
Programmflyer Irene ist viele, März 1996, CH-CS-DDZ4-06-20211014-0012, Sachdossiers, Sammlung Cinémathèque suisse

Programmflyer Irene ist viele, März 1996, CH-CS-DDZ4-06-20211014-0012, Sachdossiers, Sammlung Cinémathèque suisse
Generationenwechsel sind Sollbruchstellen für politische Bewegungen. Wie lassen sich kämpferische Haltungen, langjährige Erfahrungen im Erstreiten, Aushandeln und Durchsetzen von Rechten und Lebensweisen, aber auch die unvermeidlichen Rückschläge und Niederlagen, Sackgassen und Fehler produktiv weitergeben, die mit solchen Auseinandersetzungen verbunden sind? Jugend heisst: Misstrauen und Opposition gegenüber den Vätern und Müttern. Was wäre ausgerechnet von denen zu lernen?
Im März 1996 findet in der Shedhalle Zürich unter dem Titel Irene ist viele... eine Filmreihe und Ausstellung zum aktionistischen Frauenfilm der 70er Jahre statt. Die Veranstaltung ist angebunden an die Schweizer Frauenfilmtage. Der Auftakt am Samstag, 16. März um 17:00 Uhr ist programmatisch: Mit Eine Prämie für Irene (1971), auf den sich die Titelformulierung bezieht, und ... es kommt drauf an sie zu verändern (1973) stehen Filme von Helke Sander und Claudia von Alemann am Beginn der Reihe. Die beiden Regisseurinnen, Absolventinnen der Hochschule für Gestaltung HfG Ulm (von Alemann) und der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin DFFB (Sander) hatten 1973 in Westberlin das 1. Internationale Frauenfilmseminar initiiert. Als wichtiger Kristallisationspunkt für den feministischen Film war die Veranstaltung ein Katalysator für politische Filmarbeit. Sie begründete die Zeitschrift Frauen und Film (ab 1974) und initiierte langlebige Netzwerke. Auch 1973 gab es neben den Filmen und Diskussionen im Kino Arsenal in der Schöneberger Welserstrasse eine Ausstellung, die nach einem Verbot durch das Berliner Abgeordnetenhaus ad hoc in improvisierter Form in der gegenüberliegenden Schule aufgebaut wurde.
1996, fast 25 Jahre später, ist das – wie man so sagt – Geschichte. Oder eben nicht, denn offenbar droht die Vergangenheit des feministischen Filmaktivismus in Vergessenheit zu geraten: «Hatten diese Produktionen – vor allem aufgrund ihrer Inhalte – bereits in den siebziger Jahren keine breite Rezeption, verschwanden sie danach beinahe ganz aus der Filmgeschichte», stellt der kuratorische Einstiegstext des Programmflyers ernüchtert fest.1 Zwar sind die filmischen Arbeiten seit fast einem Vierteljahrhundert in der Welt, aber de facto ist ihr Weiterleben gefährdet. Filme existieren erst, wenn sie gezeigt, gesehen und diskutiert werden.

Pressemitteilung Shedhalle, Februar 1996, CH-CS-DDZ4-06-20211014-0013, Sachdossiers, Sammlung Cinémathèque suisse
Zugleich ist spürbar, dass sich zwischen 1973 und 1996 ein neuer und anderer Feminismus formiert hat. Gender Trouble, Untertitel Feminism and the Subversion of Identity war 1990 auf Englisch und 1993 bei Suhrkamp (ohne Untertitel) in deutscher Übersetzung veröffentlicht worden, Judith Butlers nächstes Buch Bodies that Matter war 1993 gefolgt und 1995 auf Deutsch erschienen.2 Wie hängen die Körper und die Identitäten zusammen? Müssen sie zusammenhängen? Die Zürcher Pressemitteilung der Shedhalle dazu:
Der ‹Generationenkonflikt› zwischen dem feministischen Aktionismus der siebziger Jahren, den differenztheoretisch geprägten achtziger Jahren und schliesslich den aktuellen Gender-Debatten, scheint sich mitunter als drei Stadien eines Diskurses zu zeigen, die sich untereinander ausschliessen.
Ein fester Standpunkt, von dem aus sich politisch und theoretisch argumentieren liesse, ist angesichts der notwendigen Revisionen und Dekonstruktionen von Geschlecht nicht leicht zu finden. Noch etwas kommt erschwerend hinzu, wie die Pressemitteilung diagnostiziert: Die unterschiedlichen Haltungen der Pionierinnen (Filmemacherinnen) einerseits und des gegenwärtigen feministischen Diskurses andererseits treten als «scheinbare Binarität von Theorie und Praxis» auf. Gegen eine solche Auffassung gilt es anzuarbeiten.
Mitte der 1990er sehen sich die Akteur:innen also mit einer anspruchsvollen Aufgabe konfrontiert. Gefragt ist die Revision – ganz wörtlich, ein erneutes Anschauen – grundlegender Positionen, die zugleich als Würdigung und Kritik der älteren Generation erkennbar sein müsste. Lernen von den Älteren, aber «hands on» und ohne Samthandschuhe. Dies kann in Texten und Debattenbeiträgen geschehen, es kann aber auch ganz praktisch auf kuratorischem Weg durch die Einbettung weiterer Positionen passieren: Zu den Filmen aus Westdeutschland und den USA, die aus den frühen 1970er Jahren stammen, kommen für die Zürcher Ausstellung und Filmreihe Schweizer Filme hinzu. Jacqueline Veuves Kurzfilm Susan (1974, 15 min), Tula Roys Lady Shiva oder: «die bezahlen nur meine Zeit» (ebenfalls von 1974, 40 min) und Julie from Ohio (1978, 30 min) von Isa Hesse-Rabinovitch ergänzen die bundesrepublikanischen und US-amerikanischen Filme, die Anfang der Siebzigerjahre die Basis bildeten. Im weiteren Verlauf der Zürcher Reihe sind auch kollektive Arbeiten aus Dänemark und Italien zu sehen. Der Diversifizierung von Positionen entspricht eine Ausweitung der Geografien, einerseits über Westdeutschland hinaus, andererseits ins Lokale hinein.

Pressemitteilung Shedhalle, Februar 1996, CH-CS-DDZ4-06-20211014-0013, Sachdossiers, Sammlung Cinémathèque suisse
Auf meinem Schreibtisch liegen vier Dokumente, genauer, vier Ausdrucke von PDF-Dateien: Die bereits zitierte Pressemitteilung der Shedhalle aus dem Februar 1996; der Programmflyer von Irene ist viele im März desselben Jahres; ein Interview mit Stefanie Schulte Strathaus in der Wochenzeitung WOZ (Ausgabe 11/1996) und ein Artikel von Alexandra Schneider in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 8. März 1996. Zieht man ein paar imaginäre Fäden zwischen den Dokumenten, wird eine lokale Topografie selbstverwalteter Räume und Organe sichtbar: die Shedhalle, die seit 1987 als Verein existiert und aus den Jugendunruhen der 1980er Jahre hervorgegangen ist; das Xenix (Bar und Kino), ein Resultat der Kämpfe um das Autonome Jugendzentrums (AJZ) und ebenfalls eng mit den frühen 1980er Jahren verbunden. Dazu eine Zeitung, die WOZ, 1981 gegründet. Mitte der 1990er Jahren ist die kulturelle Anziehungskraft dieses Zusammenhangs ausreichend gross, eine bürgerliche Traditionszeitung wie die NZZ für die Aktivitäten zu interessieren und mit Alexandra Schneider eine der Herausgeberinnen des wichtigen Kompendiums Cut darüber schreiben zu lassen.3 «Die Veranstaltung in der Shedhalle dürfte mithelfen, die derzeitige Diskrepanz zwischen einem scheinbar gesellschaftsfähig gewordenen Feminismus und der tatsächlichen sozialpolitischen Gefährdung der feministischen Errungenschaften der letzten zwanzig Jahre zu beleuchten,» endet Schneiders Bericht.

Ausschnitt Interview mit Stefanie Schulte Strathaus in der Wochenzeitung WOZ, November 1996, CH-CS-DDZ4-06-20211014-0014, Sachdossiers, Sammlung Cinémathèque suisse

Artikel von Alexandra Schneider in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 8. März 1996, CH-CS-DDZ4-06-20211014-0015, Sachdossiers, Sammlung Cinémathèque suisse
Zwischen der Pressemitteilung und dem Programmzettel fällt eine interessante Diskrepanz ins Auge: In der nicht datierten Information der Shedhalle heisst die Veranstaltungsreihe noch «... aber normal ist es ja gerade nicht!».4 Im Untertitel ist zu diesem Zeitpunkt nicht vom «aktivistischen Frauenfilm», sondern vom «feministischen Film» die Rede. Nicht nur Irene ist viele, sondern offenbar finden im Hintergrund auch vielfältige Diskussionen darüber statt, in welchen Begriffen, von welchen Subjektpositionen und unter welchen Überschriften das politische Projekt formuliert (oder reformuliert) werden sollte. Vermutlich erkannten die zeitgenössischen Schweizer Leserinnen die Anspielung von «... aber normal ist es ja gerade nicht!»; mir muss knapp 30 Jahre später die Suchmaschine helfen: «... aber normal ist es ja gerade nicht!» ist der Titel eines Videobands der Homex AG. Man kann es auf der Website des Schweizer Sozialarchivs ansehen.5 In der Zeitschrift Lesbenfront (inzwischen faksimiliert zugänglich auf der Plattform e-periodica) wird der Film so beschrieben:
Im November 78 haben wir uns – sieben Frauen – getroffen, um für das Filmfestival über Homosexualität in Genf ein Videoband zu machen. Die Form des Bandes war vorbestimmt durch zwei schon bestehende Videobänder – in Rohform – mit Strasseninterviews über Homosexualität und die knappe Zeit. 14 Tage blieben uns bis zum Festival.6
Wie ist die Veränderung von ...aber normal ist es ja gerade nicht! hin zu Irene ist viele... zwischen Februar und März 1996 zu deuten? Ist Helke Sanders Eine Prämie für Irene ein aktivistischer Frauenfilm, während das Videoband von Homex ein feministischer Film ist? Wo verlaufen die Grenzen? Wer definiert die Begriffe? Wie spielt die Differenz zwischen Video und Film in die Frage politischer Artikulation hinein? Lässt sich in die Modifikation des Titels das Ringen zwischen feministischen Positionen der frühen 1970er Jahre und queeren Ergänzungen, Ausweitungen, Kritiken des bisherigen Projekts hineinlesen?
Über die lokalen Zürcher Räume und Diskurse wird in den vier Dokumenten aber auch die künstlerische und diskursive Verbindung zwischen Berlin und Zürich sichtbar, für deren Etablierung und Gestaltung Marion von Osten, Kuratorin der Ausstellung in der Shedhalle, neben anderen wichtig ist.7 Von Osten, die in der Pressemitteilung gemeinsam mit Rachel Mader als «Kontaktperson» angegeben ist, hatte zu diesem Zeitpunkt gerade als künstlerische Leiterin der Shedhalle begonnen. Irene ist viele... ist ihre erste Ausstellung an diesem Ort.8 In den Jahren bis 1998 werden etliche folgen. Die Abfolge der ersten Ausstellungen in der Shedhalle zeigt ein umfassendes Interesse, für das heute die Adjektive «intersektional» und «divers» bereitstünden. «Kültür» – ein Gender-Projekt aus Istanbul; Tschernobyl Ortszeit – 10 Jahre danach, gefolgt von einer Veranstaltung der Anti-AKW-Bewegung zur Schweizer Atomlobby; «erotisch, aber indiskret» – Feminismus – Kunst – Pornographie; «alle Zonen, keine Klassen» – gegen Ausschaffungshaft und Zwangsmassnahmen; «The Funky Sight of Zurich» – a resist global fashion-music.
Auch Stefanie Schulte Strathaus, Mitglied der Gruppe Übung am Phantom, ist zu diesem Zeitpunkt seit einigen Jahren im West-Berliner Arsenal, der Institution, deren Ausrichtung auf archivarische Projekte sie ab ca. 2010 massgeblich prägen wird.9 Sie hat ihre Magisterarbeit zum Internationalen Frauenfilm geschrieben und wird als Vorstandsmitglied, Co-Leiterin des Internationalen Forums des Neuen Films sowie Mitbegründerin der Sektion Forum Expanded stark zur Neuorientierung der Institution seit den späten 1990er Jahren beigetragen. Von Irene ist viele... in Zürich läuft eine direkte Linie zu ... es kommt drauf an sie zu verändern, Untertitel Filme, Festivals, Feminismus, das vom 19. bis 25. September 1997 im Kino Arsenal in Berlin stattfand.10 Die Spannungen zu den Pionierinnen – der Generation von Sander und von Alemann – sind schon 1995 deutlich. «Wie reagieren die ehemaligen Aktivistinnen auf Deinen Blick auf ihre damalige Arbeit?» wird Schulte Strathaus von Lilian Räber in der WOZ gefragt. Die Antwort:
Das war von Anfang an eine zweischneidige Sache. Erst mal fanden sie es ganz toll, dass es wieder Frauen gibt, die ihre Ansätze diskutieren. Andererseits habe ich gemerkt, dass wir eine andere Sprache sprechen. Unsere erste Ausstellung hiess ‹when tekkno turns to sound of poetry› da haben einige nur das Wort Tekkno gehört und die Augen verdreht.
Praxis und Theorie, Gegenwart und Vergangenheit, Identität und Dekonstruktion, die Dringlichkeiten und Prioritäten von filmkultureller und politischer Arbeit – all das steht auf dem Prüfstand. Das Kino Arsenal ist zu diesem Zeitpunkt noch in der Welserstrasse, dem Ort des Frauenfilmseminars 1973. Es wird erst 5 Jahre später an den Potsdamer Platz ins Filmhaus ziehen und dort bis Ende 2024 bleiben. Die Shedhalle existiert bis heute.

Plakat Shedhalle, Irene ist viele..., Plakatsammlung Schule für Gestaltung Basel
Im Herbst 2024 auf diese Zeitpunkte zurückzublicken, kann einen leichten Schwindel hervorrufen. Die Chancen und Risiken der Historisierungsversuche der 1990er Jahre erscheinen nun im Licht einer Historisierung 2.0. Vieles ist noch oder wieder da, aber unter anderen medialen, institutionellen und politischen Bedingungen. Marion von Osten ist – viel zu früh – im November 2020 gestorben. Im Herbst 2023 feiert das Xenix-Kino die Phase des Frauenkinos Xenia mit einem umfassenden Film- und Diskussionsprogramm, ein Jahr später erscheint das Buch Frauenkino Xenia – Zürich, das im Filmpodium am 14. November zusammen mit einem Filmprogramm vorgestellt wird.11 In der Cinémathèque suisse wird schon seit längerem daran gearbeitet, die Filmarbeit von Frauen sichtbarer zu machen. Ebenfalls im Herbst 2023 versammeln sich – erneut, inzwischen genau 50 Jahre nach dem Event – Helke Sander, Claudia von Alemann und andere im Arsenal am Potsdamer Platz. Die Gruppe feminist elsewheres blickt zurück auf 1973 und 1997. Im Programmheft heisst es: «Kein Film steht allein. / Keine Geschichte ist stabil. / feminst elsewheres ist viele.» Unterzeichnet ist der kurze kuratorische Einführungstext von Elena Baumeister, Fiona Berg, Charlotte Eitelbach, Sophie Holzberger und Arisa Purkpong. Nicht nur die Positionen und Filme, auch die Orte haben sich vervielfältigt. «Berlin, Düsseldorf, Oslo und New York, November 2023.»12 Das Spektrum hat sich erweitert, besonders der queere Feminismus ist als wichtiger Bezugspunkt hinzugekommen. Irene ist viele – genau. Immer wieder neu.
Auf den 190 Seiten der Jubiläumsausgabe von Frauen und Film (Heft 72, Thema «Archive») findet vieles zusammen: Ein Rückblick ins Jahr 1974, in dem die Zeitschrift zuerst erschien, Lady Shiva, die nächste Generation von Historiker:innen, die das Material neu sortieren. Ein Bericht des feminist elsewheres-Kollektivs, ein Rückblick von Stefanie Schulte Strathaus auf die Digitalisierungsprojekte von Filmemacher:innen.13 Erfolgreiche Übungen an sehr lebendigen Phantomen.
Fast forward ins Jahr 2050. Wie wird sich wer an (welche) Irene erinnern? Wird sich die Multiplikation der Subjektpositionen fortsetzen? Was ist inzwischen «normal» und was «gerade nicht»? Leben die Historiograf:innen der Beziehungen zwischen Filmen, Künsten und Feminismen dann nicht mehr in Zürich, Berlin, Düsseldorf, Oslo und New York, sondern an ganz anderen «elsewheres»? In Jakarta, Tehuacán, Lagos oder Ramallah? À suivre.