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Caroline Schöbi, Linda Waack, Seraina Winzeler

Einleitung

Auszug eines Briefs von Isa Hesse-Rabinovitch an Regisseurinnen der Gruppe CH Filmfrauen bezüglich eines gemeinsamen Filmprojekts, 4. März 1975, Nachlass Isa Hesse Rabinovitch, Schachtel 88, Zentralbibliothek Zürich

Heute vor 50 Jahren, im März 1975, war es soweit: vier Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts auf Bundesebene zog die Filmgeschichte nach. Das erste Frauen-Film-Festival in der Deutschschweiz, organisiert von der international gut vernetzten Regisseurin Isa Hesse-Rabinovitch, fand statt. In der filmhistorischen Überlieferung hat dieses rückblickend grosse Ereignis nur kleine Wellen geschlagen, wenn überhaupt. In der Cinémathèque suisse sind nur fragmentarische Spuren, aber kein vollständiges Programm des Festivals archiviert und es brauchte einiges an Recherche, um herauszufinden, welche Filme, Beiträge und Gäste 1975 in Zürich versammelt wurden. Es handelt sich um eine der zahlreichen Lücken, welche die Geschichte des feministischen Films der Schweiz dünner erscheinen lassen, als sie tatsächlich war. Anlass genug, im Jahr 2025 den überlieferten Materialien neue Aufmerksamkeit zu schenken.

Repérages ist die neue Online-Zeitschrift der Cinémathèque suisse, die, ausgehend von den überlieferten Quellen, ausgewählte Themen der Schweizer Filmgeschichte beleuchtet. Diese erste Ausgabe widmet sich dem frühen feministischen Film der Schweiz. 14 Beiträge lassen sich auf die Arbeit mit dem feministischen Archiv, seinen Herausforderungen, Möglichkeiten und Spekulationen ein. Der Zugang der Beiträge hat selbst Geschichte: Mitte der 1990er Jahre war der feministische Film bereits für einen kurzen Moment zentraler Gegenstand der Forschung. Eine erste Übersicht leistete damals das Buch Cut. Film- und Videomacherinnen Schweiz von den Anfängen bis 1994. Eine Bestandsaufnahme.1 Für die Aufarbeitung von Beständen von Schweizer Regisseurinnen in der Cinémathèque suisse und damit auch für das vorliegende Projekt ist dieses Buch eine essentielle Grundlage, insbesondere mit dem vollständigen Verzeichnis aller filmschaffenden Frauen bis 1994 mit Namen, Werken und der Frage nach gemeinsamen Themen und Ästhetiken. In der Ausgabe würdigen wir dies mit einem Wiederabdruck des für uns einschlägigen Textes von Alexandra Schneider, den sie dankenswerterweise mit einem Kommentar versehen hat.

Texte zum frühen feministischen Film der Schweiz knüpft ebenso an eine zweite Publikation zu Feminismus und Film in der Schweiz an: 2007 veröffentlichte Esther Quetting das Buch Kino Frauen Experimente.2 Anlass war die letzte Ausgabe des feministischen Festivals Frauenfilmtage 2003, im gleichen Jahr fand auch das seit 1988 in Zürich existierende Frauenkino Xenia sein Ende. Filmkulturelle Initiativen der früheren Jahre, etwa der Filmgruppe Melusine in Bern, waren zu diesem Zeitpunkt ebenfalls Geschichte. Sie waren punktueller und isolierter, weisen aber darauf hin, dass neben der eigenen Filmproduktion das Programmieren und gemeinsame Sehen von Filmen eine wichtige politische und ästhetische Auseinandersetzung mit dem Medium darstellte und eine Möglichkeit war, sich zu verbünden. In der vorliegenden Ausgabe vollzieht Heike Klippel anhand eines Archivobjekts aus dem Jahr 1978 die kuratorischen Entscheidungen der Filmgruppe Melusine nach und rekonstruiert das aus ihrer Sicht noch heute sehenswerte Programm Frauen sehen Frauen.

Isa Hesse-Rabinovitchs Briefkasten hängt heute vor der Haustür von Lucienne Lanaz. Die beiden Regisseurinnen, Mitbegründerinnen der Gruppe CH-Filmfrauen, verband eine enge Freundschaft.

Dass der frühe feministische Film der Schweiz ein Film im Kontext war – der Frauenbewegungen, der Nachbarländer, der persönlichen Netzwerke, der Förderlandschaft, der politischen Geschichte und der popkulturellen Aufbrüche –, nehmen gleich mehrere Autor:innen in den Blick. Der Text Unglückliche Archive? von Linda Waack führt von Zürich in die deutsch-schweizerische Grenzregion Bodensee, wo Mitte der 1970er Jahre Ulrike Ottingers Madame X (1977) entstand. Andere Beiträge folgen Carole Roussopoulos, Cristina Perincioli oder Gertrud Pinkus ins Ausland, da diese Regisseurinnen dort offenbar mehr Handlungsspielraum sahen. Eine grössere Wirkkraft als das Zürcher Frauen-Film-Festival entfaltete das Erste Internationale Frauenfilmseminar 1973 in Berlin, dem später zwei weitere Ereignisse folgten. Spuren der Berliner Veranstaltung ...es kommt drauf an, sie zu verändern. Filme, Festivals, Feminismus von 1997 führen in die Schweiz und weisen auf Verbindungen hin, die wir mit zwei Texten von Kuratorinnen des Festivals feminist elsewheres (2023), Fiona Berg und Sophie Holzberger, wieder aufnehmen wollen. Volker Pantenburg widmet sich in seinem Beitrag diesen Verbindungs- und Bruchlinien zwischen den Generationen und Orten des feministischen Aktivismus.

Gleichzeitig tauchte die Schweiz kaum auf der Landkarte des internationalen feministischen Films auf. Der Austausch mit Filmschaffenden in anderen Ländern blieb lose. Im Vergleich etwa zu den in der deutschen Zeitschrift Frauen und Film geführten Debatten gab es in der Schweiz, soweit uns bekannt ist, in den 1970er Jahren keinen ausführlichen feministischen Theoriediskurs und auch Initiativen zur Organisation untereinander, etwa in der Gruppe CH Filmfrauen, blieben schwach ausgeprägt. So wurde etwa ein gemeinsam geplantes Filmprojekt nie realisiert. Insofern ist die Geschichte des frühen feministischen Films der Schweiz auch eine Geschichte dessen, was nicht geschah oder nicht mehr auffindbar ist, wie der Text von Caroline Schöbi am Beispiel einer verlorenen Tonspur anschaulich zeigt. Auch Seraina Winzeler geht solchen Lücken und Leerstellen nach, die das feministische Filmschaffen dieser Zeitperiode auf allen Ebenen prägen.

In beiden Texten sowie auch im Beitrag von Linda Waack taucht die Figur von Irene Staub aka Lady Shiva auf – schillernde Protagonistin von Lady Shiva oder «die bezahlen nur meine Zeit» (1975) von Tula Roy und Christoph Wirsing. Obwohl es sich vermutlich um einen der bekanntesten Titel des frühen feministischen Films handelt, wurde er, wie viele Werke und Regisseurinnen der damaligen Zeit, von der Schweizer Filmgeschichtsschreibung weitgehend vernachlässigt. Nun liegen zu einigen Filmen, etwa auch zu Hier habe ich gelernt, dass eine Frau auch ein Mensch sein kann. Eine Woche im Zürcher Frauenhaus (1980) von Marianne Pletscher, zum ersten Mal Texte vor. Sophie Holzberger diskutiert mit diesem fürs Fernsehen produzierten Dokumentarfilm und Cristina Perinciolis Spielfilm Die Macht der Männer ist die Geduld der Frauen (1978) zwei Filme der Frauenhausbewegung in ihrer Ambivalenz der Forderung nach Authentizität, politischem Anspruch und eingeschränktem Handlungsspielraum. Während die Zuordnung dieser Werke zum sogenannten Frauenfilm auch ambivalent und einschränkend war, zeigt Achilleas Papakonstantis umgekehrt auf, dass die Anerkennung von Jacqueline Veuve als Autorenfilmerin mit einer Verdrängung ihres feministischen Frühwerks einherging.

Eine besondere Bedeutung kommt dem Medium Video zu, das Pletscher und Perincioli auf unterschiedliche Weise einsetzen. Auch Friederike Horstmann diskutiert das emanzipatorische Potenzial der in den 1970er Jahren neuen Portapak-Videokamera, die von Carole Roussopoulos und Delphine Seyrig für die Dreharbeiten von Scum Manifesto (1976) verwendet wurde. Ebenfalls mit Blick auf die Filmarbeiten von Roussopoulos und Seyrig fragt Eva Kuhn in ihrem Text nach filmischen Darstellungsformen, die sich einem dominanten männlichen Blickregime widersetzen. Am Beispiel von Les prostituées de Lyon parlent (1975) macht sie das Anliegen Selbstermächtigung deutlich, das den Arbeiten der damaligen feministischen Filmkollektive zugrunde liegt.

Ergänzt werden diese Betrachtungen durch drei Interviewtexte: Margrit Tröhler beleuchtet im Gespräch mit Gertrud Pinkus mit der Zirkulation von Filmen ausserhalb des Kinos einen Aspekt, der für das damalige feministische Filmschaffen insgesamt kennzeichnend war. Das 2021 in der Zeitschrift Montage AV auf deutsch publizierte Interview wurde für Repérages von Margrit Tröhler auf französisch übersetzt und mit einem Kommentar versehen. Fiona Berg beschäftigt sich ebenfalls mit Gertrud Pinkus’ Film Il Valore della donne è il suo silenzio (1980). In ihrem Text verknüpft sie eine präzise Filmanalyse mit der Betrachtung von Quellen und zeichnet so die Entstehungsgeschichte eines politisch bis heute relevanten und formal anspruchsvollen Erstlingswerks nach. Zeithistorische Interviews mit Pinkus geben Einblick in ihre filmpolitische Haltung und vermitteln eine Idee davon, was es hiess, sich als Frau in den 1970er und 1980er Jahren trotz aller Widerstände als Regisseurin zu etablieren. Ausgehend von einem Gespräch mit Lilian Räber erinnert Rahel Wehrlin an die Zeit der Xenias im Zürich der 1980er Jahre und befragt die aktuelle Festivalkultur nach Weiterführungen und Überresten dieses feministischen Erbes.

Fonds Tula Roy und Christoph Wirsing in der Cinémathèque suisse

Unsere Publikation erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Autor:innen wählten ihre Themen selbst; ihnen wurde aus einem umfassenden von der Cinémathèque suisse in den letzten Jahren digitalisierten Fundus Quellen bereitgestellt.3 Ihre Beiträge beleuchten Werke von Filmschaffenden, die man als erste Generation von Schweizer Regisseurinnen bezeichnen könnte, geboren circa zwischen den 1910er und 1950er Jahren. Dazu gehören auch zahlreiche Namen – nachzulesen im Verzeichnis in CUT –, die hier leider nicht ausgiebig diskutiert werden: etwa Isa Hesse-Rabinovitch, Patricia Moraz, June Kovach, Danielle Jaeggi, Paule Muret, Lucienne Lanaz, Yonne Escher, Reni Mertens, aber auch Regisseurinnen wie Elisabeth Gujer oder Regine Bebié, die nur einzelne Filme realisierten.4 Gelangen Überreste von deren Werken ins Archiv stellen sich auch ganz konkrete Fragen. Anne Chauvie ergänzt die erste Ausgabe von Repérages mit einem Einblick in die Bearbeitungsmethoden in der Cinémathèque suisse und damit mit einem Aspekt, der insgesamt für die Zeitschrift zentral sein wird.

30 Jahre nach der Publikation von CUT ergeben sich mit dieser Ausgangslage für uns und unsere Autor:innen so weitere und zum Teil neue Forschungsperspektiven. Mit dem Fokus auf das Archiv ist die materielle Überlieferung ein wichtiger Ausgangspunkt. Minoritäre Formate, verlorene Originale, schwer zugängliche Digitalisate oder bruchstückhafte Paratexte spiegeln die prekarisierte Situation des damaligen feministischen Filmschaffens. Mit einem Interesse für die Voraussetzungen, Strukturen und Kontexte, in denen sich die Regisseurinnen bewegten, stützen sich einige Texte in neuer Sachlichkeit auf fragile Fakten oder stellen im Sinne einer Materialgeschichte die Funde ins Zentrum. Neugierig und mit tentativem Ton beziehen sich andere Beiträge auf jüngere Forschungsansätze, etwa kritische Fabulation, Listening/Sonic Studies oder Affektforschung.5 Das einmalige Ereignis des Frauen-Film-Festivals und dessen fehlende Spuren stehen auf gewisse Weise exemplarisch. Beim frühen feministischen Film der Schweiz handelt es sich um ein fragmentarisches, von Diskontinuitäten und Brüchen geprägtes Minor Cinema, das sich nicht als kohärente und geradlinige Erzählung darstellen lässt. Aber es war da und wirkt bis heute.

Fotogramm, Lady Shiva oder: «die bezahlen nur meine Zeit», Collection Cinémathèque suisse

Dank

Unser Dank gilt den beteiligten Autor:innen für ihre Bereitschaft, sich auf die Funde aus der Cinémathèque suisse einzulassen. Wir danken ebenso den Regisseur:innen, die uns Bestände übergeben haben, sowie allen Mitarbeiter:innen der Cinémathèque suisse, die diese in den letzten Jahren bearbeitet und damit dieses Projekt ermöglicht haben, insbesondere Emanuel Signer und Achilleas Papakonstantis für die redaktionelle Mitarbeit.

Repérages 01/25 Texte zum frühen feministischen Film der Schweiz entstand in Zusammenarbeit mit dem Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich.

Parallel zur vorliegenden Ausgabe von Repérages publizierte die Cinémathèque suisse Eine Ausstellung zum frühen feministischen Film der Schweiz (2025) mit Archivdokumenten und Videointerviews mit sieben Regisseur:innen. Die Ausstellung ist online zugänglich auf Home – Ausstellungen der Cinémathèque suisse.

  1. Blöchinger, Brigitte u.a. (Hg.), Cut. Film- und Videomacherinnen Schweiz. Von den Anfängen bis 1994 – Eine Bestandsaufnahme, Basel/Frankfurt, Stroemfeld, 1995.
  2. Quetting, Esther, Kino Frauen Experimente, Marburg, Schüren, 2007 sowie Doris Senn, Frauenkino Xenia – Zürich, Marburg, Schüren, 2024.
  3. Die Datenbank Caspar gibt einen Überblick über die in der Cinémathèque suisse archivierten Bestände.
  4. Auf der Plattform Home – Ausstellungen der Cinémathèque suisse veröffentlicht die Institution Eine Ausstellung zum frühen feministischen Film der Schweiz (2025) mit Quellen und Interviews zu sieben Filmen von Danielle Jaeggi, Lucienne Lanaz, Marianne Pletscher, André Pinkus, Gertrud Pinkus, Helen Pinkus-Rymann, Tula Roy, Deidi von Schaewen und Silvia de Stoutz.
  5. Vgl. Ahmed, Sara, The cultural politics of emotion, New York, Routledge, 2004; Ahmed, Sara, Queer Phenomenology. Orientations, Objects, Others, Durham & London, Duke University Press, 2006; Balsom, Erika/Peleg, Hila/Haus der Kulturen der Welt (Hg.), Feminist worldmaking and the moving image, Cambridge, Massachusetts: London, England, The MIT Press; Beeston, Alix/Solomon, Stefan (Hg.), Incomplete. The Feminist Possibilities of the Unfinished Film, Oakland, University of California Press, 2023; Bovier, François/Mey, Adeena/Schärer, Thomer/Truniger, Fred (Hg.), Minor cinema: experimental film in Switzerland, Zürich, JRP Editions, Lausanne, Les presses du réel, 2020; Brauerhoch, Annette/Klippel, Heike (Hg.), Frauen und Film, 70 (Räume), 2022; Brunow, Dagmar/Müller, Katharina (Hg.), Frauen und Film, 72 (Archive), 2024, Campt, Tina, Listening to Images, Durham & London, Duke University Press, 2017; Hartman, Saidiya, Wayward Lives, Beautiful Experiments, New York, W.W. Norton & Company, 2019; Hartman, Saidiya, Diese bittere Erde (ist womöglich nicht, was sie scheint), Berlin, August Verlag, 2022.
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