
...via Zürich, Alexander J. Seiler, Rob Gnant, June Kovach, 1967, Fotogramm, Collection Cinémathèque suisse
Nützliche Filme: Zürcher Stadt-, Land- Filmgeschichten ist Teil eines grossen Digitalisierungs- und Vermittlungsprojekt der Cinémathèque suisse. Aufgrund filmhistorischer, thematischer und konservatorischer Kriterien wurde in den letzten Jahren eine Auswahl von Zürcher Gebrauchsfilmen des 20. Jahrhunderts erschlossen und digitalisiert. Daraus gehen nun zwei Publikationen hervor, die beide in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Sozialarchiv umgesetzt wurden: Die virtuelle Ausstellung Zürich – Stadt des Kapitals erkundet anhand von 23 Werken, wie sich anhand von Gebrauchsfilmen gesellschaftliche, wirtschaftliche und räumliche Entwicklungen eines bestimmten Ortes nachvollziehen lassen. Der vorliegenden Ausgabe von Repérages ging ein Aufruf zur Einreichung von Beiträgen voraus. Einige der elf Artikel behandeln auch Filme aus anderen Archiven und/oder adressieren übergeordnete methodische und archivische Fragen. Beide Publikationen erzählen spezifische Zürich-Geschichten und weisen gleichzeitig auf grössere filmhistorische Zusammenhänge hin.
Gemeinsam ist ihnen der Fokus auf die Auftragsfilmproduktion, die bis in die 1960er Jahre den Schweizer Film dominierte. Organisationen der Wirtschaft, Wissenschaft, Erziehung oder Verwaltung liessen für ihre jeweiligen Anliegen Filme herstellen und zirkulieren. Dazu gehören etwa Wochenschauen, Industrie-, Lehr- oder Tourismusfilme. Diese Filme waren primär nützlich: Sie sollten vermitteln, belehren, aufklären, werben. Der Text Der Filmessay. Eine neue Form des Dokumentarfilms des Regisseurs und Avantgardisten Hans Richter, 1940 in der National-Zeitung Basel erschienen und hier erneut publiziert, weist auf eine lange andauernde Auseinandersetzung mit dem Gebrauchsfilm in der historischen Filmpraxis hin. Das filmhistoriografische Interesse indes galt – nicht nur in der Schweiz – vorwiegend dem meist abendfüllenden Autorenfilm. Entsprechend wurden frühere filmische und theoretische Positionen aus dem Bereich des meist kurzen, meist dokumentarischen Gebrauchsfilm lange Zeit vernachlässigt. Seit Mitte der 2000er Jahre wird dieses Feld international intensiv erforscht. Die Publikation Schaufenster Schweiz (2011) von Yvonne Zimmermann, Pierre-Emmanuel Jaques und Anita Gertiser zur Situation in der Schweiz hat in diesem Forschungskontext Pionierarbeit geleistet und ist nun auch digital verfügbar.1

Probleme des Schweizerfilms, August Kern, 1960, Fotogramm, Collection Cinémathèque suisse
Vor diesem Hintergrund positioniert Yvonne Zimmermann den im Schweizer Exil verfassten Text von Richter neu; nicht als Gründungstexts des Essayfilms, sondern als eine Reflexion über eine «filmische Methode», die Richter am Beispiel seines Auftragsfilms Die Börse als Barometer der Wirtschaftslage (1939) für die Zürcher Börse erörtert. Von Interesse ist hier vor allem, wie der Dokumentarfilm abstrakte Vorstellungen, Gedanken und Vorgänge sichtbar und anschaulich machen kann.
Auch in Bezug auf das Verhältnis von Stadt und Film dominiert die Auseinandersetzung mit Spiel- oder längeren Dokumentarfilmen. Im Zentrum stehen etwa kanonische Stadtfilme der 1920er Jahre oder ikonische Bilder von globalen urbanen Zentren. Kleinere Städte sind kaum in einer solchen Tradition der urbanen filmischen Repräsentation vertreten. Die Beschäftigung mit dem dokumentarischen Gebrauchsfilm und der Stadt eröffnet einen anderen Zugang zum Thema Stadt und Film. Auch wenn die Stadt teilweise ausführlich in den Bildern sichtbar wird, erschliesst sich die Bedeutung dieser Filme primär über die Betrachtung der Institutionen, Akteur:innen und Anlässe, die Filme initiiert, realisiert oder zur Produktion von Filmen geführt haben.2
Die Artikel unserer Publikation vertiefen unterschiedliche Bezugsrahmen von Zürcher Stadt- und Landgeschichten, die teilweise auch über Zürich hinausreichen: Martin Loiperdinger widmet sich mit Julius Pinschewer, dem Pionier farbiger Werbetrickfilme, einem weiteren deutschen Exilanten und rückt mit der Schweizerischen Landesausstellung von 1939 und der Geistigen Landesverteidigung zwei für den Auftragsfilm zentrale historische Kontexte in den Blick. Ebenfalls mit dem Werbefilm beschäftigt sich Pierre-Emmanuel Jaques: Er beleuchtet die Anfänge der 1924 gegründeten Praesens-Film A.G. im Werbefilmsektor und erklärt den durchschlagenden Erfolg der Firma trotz harter Konkurrenz damit, dass Praesens ein schweizweites Distributionsnetzwerk für Werbefilme in kommerziellen Kinos aufgebaut hatte. Diese quasi Monopolstellung im Kinosektor garantierte den Auftraggebern und ihren von Praesens produzierten Werken grösstmögliche Sichtbarkeit. Thomas Schärer und Lucas Piccolin erkunden mit dem Swissorama-System dem Faszinosum der filmischen 360°-Grad-Projektion. Zentral für dessen technische Entwicklung und Promotion in den 1970er und 1980er Jahren war Ernst A. Heiniger. Die beiden Autoren tauchen tief in sein Lebenswerk ein und setzen sich mit den technischen und inhaltlichen Problemen sowie der Rezeption der Projektionsform auseinander.

Beton-Fluss, Hans-Ulrich Schlumpf, 1974, Fotogramm, Collection Cinémathèque suisse
Visuell ausführlich sichtbar wird Zürich in zwei Beiträgen: Felix Aeppli interessiert sich dafür, wie sich Zürich selbst darstellt und Eigenwerbung betreibt. Der Autor kann dabei auf ein Jahrhundert filmische Erzeugnisse zurückgreifen, die Zeugnis ablegen vom Versuch, Zürich auf der Wunschliste der weltweiten Tourismusdestinationen zu verankern. Jacqueline Maurer beschäftigt sich mit der Frage, wie städtebauliche Prozesse der 1930er und 1970er Jahre in Zürich in Filmen ihren Widerhall finden. Wie in der Analyse eines Auftragsfilms und eines politischen Kurzfilms deutlich wird, kontrastiert planerische und automobile Euphorie dabei scharf mit dem kritischen Blick der Nachkriegsgeneration, als ökologisches Bewusstsein und generell Wachstumskritik an Überzeugungskraft gewannen.
Damit leitet der Beitrag auch über zu einem erweiterten Begriff des Gebrauchsfilms. Dieser lässt sich in Anlehnung an Charles Acland und Haidee Wasson auch umfassender verstehen und – unabhängig von der Produktionsstruktur – auf Filme beziehen, bei denen auf unterschiedliche Weise ein funktionaler und nützlicher Einsatz des Mediums im Vordergrund steht.3 In den Blick geraten damit etwa politische Filme von Regisseur:innen des Neuen Schweizer Films oder aktivistische Videopraktiken der 1980er Jahre. Zwei weitere Texte beschäftigen sich mit diesen Zusammenhängen: Der kollektiv realisierte Film Lieber Herr Doktor (1977) entstand hinsichtlich der Abstimmung über die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und wurde im Abstimmungskampf eingesetzt. Seraina Winzeler geht den Entstehungskontexten dieses frühen feministischen, aktivistischen Films nach und fragt nach seiner heutigen Bedeutung. Stefan Länzlinger setzt sich mit dem Archiv des Videoladens auseinander, einem Videokollektiv aus dem Umfeld der Zürcher Jugendunruhen der 1980er Jahre, und beleuchtet einen bisher wohl einzigartigen historischen Bestand. Das vom Schweizerischen Sozialarchiv vollständig übernommene Archiv umfasst nicht nur formal ausgearbeitete Werke, sondern auch Selbstdokumentationen und filmisches Rohmaterial. So steht nun ein reichhaltiger Quellenfundus zu Rhetorik, Aktionsformen und Ästhetik einer aktivistischen Bewegung zur Verfügung.
Ein weiterer Beitrag von Stephan Ahrens, Sophia Gräfe und Linda Waack nimmt sich einen Film aus der Produktion der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Unterrichtsfilm Zürich vor. Am Beispiel des Films Die Lachmöwe (1930) sowie dessen Zirkulation und Überbleibseln in verschiedenen Archiven erkunden die Autor:innen spielerisch das historische Potential eines trocken aufbereiteten Unterrichtsgegenstands. Und nicht zuletzt greift Heidi Brunner aktuell virulente Archivfragen auf. Die Autorin untersucht, wie eine verantwortungsvolle Archivpraxis im Umgang mit kolonial geprägten Filmen aussehen könnte. Anstatt koloniale Blickregime unhinterfragt zu reproduzieren, sind wir aufgefordert, solche Filme zu kontextualisieren, die betroffenen Gemeinschaften in die Praxis der Aufbewahrung und Publikation miteinzubeziehen und allenfalls auch den Zugang zu Archiven an Bedingungen zu knüpfen.
Stefan Länzlinger, Seraina Winzeler, Yvonne Zimmermann

Werkhalle, Oerlikon-Bührle, um 1940, Fotografie: Ernst Koehli, Schweizerisches Sozialarchiv