
Kinder vor dem Verbotsschild, Lieber Herr Doktor, Filmstill
«So bringt man Luft und Sonne auch in diese Quartiere. Grünflächen und Spielplätze entstehen und damit auch Raum für die Jugend» – mit diesen Worten preist 1938 eine pathetische Erzählstimme im Auftragsfilm Zürich baut die damaligen Stadtentwicklungsprojekte des ‹Roten Zürichs› an. Aus demselben Jahr stammt ein Verbotsschild des Stadtammannamts im Zürcher Kreis 5, das 1977 ein Kind im Film Lieber Herr Doktor vorliest. Das Schild untersagt das Fahrradfahren und Fussballspielen im Hinterhof eines Wohngebäudes und sieht dafür eine Busse von 50 Franken vor. Ein anderes Kind fügt an: «Und wenn man trotzdem Fussball spielt, dann nehmen sie einem den Fussball weg und das zweite Mal schneiden sie einem den Fussball auf. Also lohnt es sich nicht, wenn man Fussball spielt.»1
Das auch 50 Jahre später nicht eingelöste Versprechen der vom Neuen Bauen beeinflussten Zürcher Stadtplanung verweist darauf, in welche konservative Strukturen der Dokumentarfilm Lieber Herr Doktor (1977) eingreift. Realisiert wurde der mit knappen Mitteln auf 16mm gedrehte 64 Minuten lange Film als Instrument im Abstimmungskampf um die Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs.2 Die Eidgenössische Volksinitiative ‹für die Fristenlösung (beim Schwangerschaftsabbruch)›, kurz Fristenlösung, schlug vor, Abtreibungen in den ersten 12 Wochen der Schwangerschaft zu erlauben, sofern sie von Ärzt:innen und mit Zustimmung der Frau durchgeführt werden. Abgestimmt wurde am 25. September 1977. Die Nein-Stimmen überwogen; erst 2002 nahm die Schweiz die Fristenregelung an und legalisierte damit den Abbruch bis in die 12. Schwangerschaftswoche.

Flyer der Informations- und Beratungsstelle für Frauen (INFRA), ohne Datum, Collection Cinémathèque suisse
Realisiert wurde Lieber Herr Doktor von der Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch, die sich aus Vertreter:innen dreier kulturell und sozialpolitisch engagierter Organisationen zusammensetzte: der Informations- und Beratungsstelle für Frauen (INFRA), der Vereinigung unabhängiger Ärzte Zürich (VUAZ) und dem Filmkollektiv Zürich. In einem Videointerview von 2023 bestimmen die Grafikerin und Aktivistin Helen Pinkus-Rymann und der Beleuchter André Pinkus, beide ehemalige Mitglieder der Filmgruppe, die INFRA als wichtigste Akteurin. Diese war Teil der Frauenbefreiungsbewegung FBB, die nach 1968 aus einem Zusammenschluss von feministischen Gruppen und Netzwerken entstand. Als ehrenamtlich geführte Anlaufstelle in Zürich bot die INFRA Beratungen für Frauen an. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Angebots war die Vermittlung von Informationen zu Schwangerschaftsabbrüchen. Helen Pinkus-Rymann erzählt im Interview: «Da kamen wir auf die Idee, dass man einen Film drehen sollte, in dem eine Abtreibung gezeigt wird, von A-Z, ungeschnitten, um zu zeigen, dass das keine Horrorangelegenheit ist.»3
Die Angaben zum Entstehungskontext des Films sind jedoch widersprüchlich: In einem nicht publizierten Gespräch mit Julia Zutavern nannte offenbar auch die Mitwirkende Beatrice Michel die INFRA, in der sowohl sie als auch Pinkus-Rymann engagiert waren, als Initiantin. Laut Jörg Huber und von David Fonjallaz und Zutavern zitierten Quellen kam die Initiative hingegen aus der Ärzteschaft, wobei die Idee eines Films bei den Frauen der INFRA bereits vorher bestanden habe. Eine Darstellung des Kritikers Martin Schaub setzt bei der Betroffenheit der Frauen an und erwähnt lediglich die Zusammenarbeit zwischen den Frauen und einem Arzt.4
Sicherlich waren beide Gruppen in ihrem Alltag mit den Problemen konfrontiert, die eine Kriminalisierung des Abbruchs mit sich brachte, unterstützten Betroffene und setzten sich politisch für eine Verbesserung der Situation ein. Die ungeklärte Frage nach den Initiant:innen ist dennoch interessant, da sich darin Konflikte manifestieren, die die Thematik und den Film insgesamt prägen. So war ursprünglich vorgesehen, den Film mit einem reinen Frauenteam zu realisieren. Dies scheiterte, da die Gruppe 1977 weder eine Ärztin noch Filmtechnikerinnen für Kamera und Ton fanden.5 Zum Zeitpunkt der Realisierung von Lieber Herr Doktor, einem der ersten feministischen Filme der Schweiz, waren erst vereinzelt Frauen im Filmbereich tätig.6 Ausser bei den Aktivistinnen der INFRA handelte es sich folglich bei allen anderen Beteiligten um Männer.
Ein in der Cinémathèque suisse überliefertes Sitzungsprotokoll von 1976 gibt Einblick in die daraus resultierenden Spannungen. Aufgrund von Auseinandersetzungen mit den männlichen Projektmitgliedern zogen es einige Frauen in Erwägung, aus dem Projekt auszusteigen. Sie warfen dem beteiligten Arzt Peter Frei vor, er sei zu fordernd und autoritär. Frei antwortete, er fände es notwendig, mit Frauen zusammenzuarbeiten, bedauere jedoch, wenn dies im «emotionalen Puff» verlaufe.7 Die Frauen problematisierten nicht nur die auch im Film spürbar werdende paternalistische Haltung von Frei, sondern auch diejenige des Regisseurs Hans Stürm, der in seiner Rolle als Kameramann offenbar die Diskussionen in der Gruppe dominierte. Der im Protokoll wiedergegebene Streit darum, wer denn nun die «Fachleute» seien, setzt sich in gewisser Weise bis in die Gegenwart fort: Wiederholt wird die Regie alleine Stürm zugeschrieben, obwohl die Mitglieder des Kollektivs betonten, dass sich ein Film dieser Art gerade nicht als Autorenfilm realisieren lasse.8
Die widersprüchlichen beziehungsweise falschen Angaben zur Ursprungsidee und Autorschaft verweisen darauf, dass sich trotz des durchaus gelungenen feministischen Anspruchs bestehende gesellschaftliche Machtverhältnisse in der Gruppe fortsetzten. Diese hier vergeschlechtlichten Konfliktlinien tangieren die grundsätzliche Frage, wem welche Autorität zugesprochen und welches Wissen anerkannt wird. Bis heute besteht die Tendenz, Aktivist:innen, die selbst von der Notlage betroffen sind, die sie politisieren, ihre Kompetenzen abzusprechen. Dabei ist es oft umgekehrt: Selbstorganisation und Aktivismus bringen eine Expertise hervor, die, wie es die Regisseurin und Autorin Franzis Kabisch in Zusammenhang mit Abtreibung betont, zu einer alternativen und sorgsamen Praxis führen kann.9 Die Aids-Krise in den USA in den 1980er und 1990er Jahren ist ein besonders eindrückliches Beispiel für die politische Wirkung eines solchen gemeinsam erarbeiteten Wissens: Erst die detaillierten Kenntnisse der betroffenen Personen, die sich in der Organisation Act-Up zusammenschlossen, Arbeitsgruppen bildeten und Druck auf Politik und Verwaltung ausübten, führten zum Ausbau der medizinischen Forschung, die das Sterben weiterer Menschen verhinderte.10
Im Rückblick problematisiert Pinkus-Rymann auch die formale Darstellung und damit die Folgen, die die Geschlechterordnungen für den filmischen Blick auf Frauen hatten.11 Die Szene, in der Peter Frei bei Yvonne Blum – ebenfalls Mitglied der Filmgruppe – eine Abtreibung vornimmt, will den grundsätzlich einfachen medizinischen Eingriff entdramatisieren. Die Anzahl der Personen im Behandlungszimmer sollte dabei möglichst klein gehalten werden. Folglich waren keine Aktivistinnen, sondern nur Filmtechniker anwesend. Diese filmten den Abbruch mit einer beinahe frontalen Einstellung auf die Vulva. Wie Pinkus-Rymann anmerkt, hätte der Eingriff ebenso gut aus einer Perspektive dargestellt werden können, die Blums Körper weniger stark zur Schau stellte. Mit einem Team von Frauen – so lässt sich mutmassen – hätte das Wissen um die Objektifizierung ihrer Körper in medizinischen Behandlungen und in den Medien zu einer Reflexion und einer anderen formalen Darstellung des Eingriffs geführt.

Peter Frei und Yvonne Blum in Lieber Herr Doktor, Fotogramm, Cinémathèque suisse
Solche Konflikte zwischen professionellen Filmschaffenden und sogenannten Laien sind wohl exemplarisch für die damalige Praxis der kollektiven Filmproduktion. Lieber Herr Doktor wurde als ‹Interventionsfilm› bezeichnet und war einer von fünf zwischen 1975 und 1978 kollektiv produzierten Deutschschweizer Filmen.12 Der damals einflussreiche Kritiker Martin Schaub sprach 1987 von einer «Basis- und Kollektivfilmbewegung» und nannte die Filmcooperative und das Filmkollektiv Zürich als deren wichtigsten Akteure.13 Hans Stürm, André Pinkus oder die ebenfalls beteiligte Kostümbildnerin Silvia de Stoutz waren Mitglieder des Filmkollektivs Zürich. Dieses war 1975 aus dem drei Jahre früher gegründeten Filmverleih Filmcooperative hervorgegangen, der den Film später verlieh. Das Kollektiv war ein Zusammenschluss links positionierter Filmschaffender, die eine gemeinschaftlich genutzte technische und administrative Infrastruktur aufbauten und Produktion und Verleih eng miteinander verzahnten. Schaub situiert diese Entwicklungen transnational im Kontext des politischen Films, der sich infolge der gesellschaftlichen Umbrüche der späten 1960er Jahre ausbildete.14 Beeinflusst etwa vom Cinéma militant in Frankreich und in Abgrenzung zum individualisierten Autorenfilm sollte eine kollektive Produktionsweise mit betroffenen Personen die «Filmkunst aus ihrem Ghetto in die soziale und politische Bedeutsamkeit» geleiten. Als «Basisfilme» wuchsen Interventionsfilme aus politischen Bewegungen heraus, strebten eine kritische Analyse gesellschaftlicher Realitäten und Prozesse an, wollten politisch oder ideologisch intervenieren, mobilisieren, Diskussionen auslösen.15
1985 nannte Jörg Huber Lieber Herr Doktor das «Paradebeispiel des Schweizer Interventionsfilm».16 Gleichzeitig beklagte er bereits dessen Tod: Der Interventionsfilm habe nur eine «schmale Spur» hinterlassen. Dies hänge auch mit dem politischen System der Schweiz zusammen, das «im Entscheidungsfindungsprozess und den Konfliktregulierungen einseitig Strategien des Kompromisses und des gütlichen Einvernehmens gegenüber einem offenen Austragen der Konflikte und der Ausbildung einer effektiven Opposition» bevorteile. In der Schweiz habe sich «kaum eine Tradition und Praxis der öffentlichen politischen Auseinandersetzung ausgebildet. In diesem Klima hat der politische Interventionsfilm auf Sand gebaut, mit seiner Funktion ist er oft ins Leere gelaufen».17
Beeinflusst von diesem von Konsens geprägten Geist der Schweiz will die Gruppe Schwangerschaftsabbruch den demokratischen Entscheidungsprozess zum Zentrum des Films machen.18 Anders als gewisse französische Filme des Cinéma militant ist Lieber Herr Doktor kein Agitations- oder Propagandafilm, kein Pamphlet oder Manifest, sondern zielt auf Aufklärung und Wissensvermittlung. Dazu gehört, dass der Film seine eigene Entstehungsgeschichte offenlegt und damit selbstreflexiv auf die militante Filmpraxis verweist: In drei Szenen sieht man, wie das Kollektiv das Konzept und die Umsetzung diskutiert und damit das eigene Vorgehen zur Schau stellt. Auch die Art und Weise, wie der Film Debatten auslösen soll, wird vorgeführt: Zu Beginn bauen Personen des Kollektivs in der Gemeinde Ennenda im Kanton Glarus in einem Veranstaltungssaal einen Projektor und eine Leinwand auf. Gezeigt wird die Abtreibungsszene, in der darauffolgenden Diskussion äussern sich Gegner:innen und Befürworter:innen der Vorlage. Den Film in der Provinz vorzuführen und dort Auseinandersetzungen anzustossen war ein explizites Anliegen der Filmgruppe.19

Mitglieder der Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch, Lieber Herr Doktor, Fotogramm, Cinémathèque suisse

Diskussion in Ennenda, Lieber Herr Doktor, Fotogramm, Collection Cinémathèque suisse

Interview mit einer betroffenen Frau in Lieber Herr Doktor, Fotogramm, Collection Cinémathèque suisse
In der finalen Fassung des Films sind Aufnahmen aus Ennenda zu sehen, darauf folgen nacheinander drei persönliche Erzählungen, die exemplarisch die physischen und psychischen Folgen des Verbots für betroffene schwangere Frauen verdeutlichen. Diese Interviews reihen sich in eine in den 1970er Jahren entstehende Tradition des realistischen feministischen Dokumentarfilms ein, dessen Anliegen es war, den von Gewalt und Diskriminierung betroffenen Personen eine Stimme zu geben, sie selbst zu Wort kommen zu lassen.20 Die Inszenierung der Gespräche folgt dem nüchternen Stil der Abtreibungsszene, sie sind in starren Einstellungen und aus Distanz gefilmt, was offenbar bei Cutter:innen für Kritik sorgte.21 Diese Ästhetik war nicht technischen Umständen geschuldet, sondern politisches Programm. Die formale Gestaltung zielt nicht auf Einfühlung und Emotion, sondern auf ein aktives, rationales Nachdenken und ruft im Sinne eines Brecht’schen Verfremdungseffekts zur Reflexion auf. Beatrice Michel hält fest: «Wir wollten beim Zuschauer nicht Mitleid erzeugen (Mitleid blockt ab), sondern Solidarität mit Frauen in einer Situation, die sie extrem zu Unterdrückten macht, und produktive Wut hervorruft.»22 Während die Gruppe die Inszenierung der Interviews mit dieser Begründung verteidigt, schienen ihnen andere Darstellungen unbefriedigend: «Die Ästhetik des Gebrauchsfilms ist nicht geschrieben, und es ist uns nicht möglich, sie jetzt zu schreiben. Präzise Vorstellungen müssen unbedingt erarbeitet werden, bevor auf diesem Filmgebiet weitergemacht wird».23
Zwischen 10 und 15 Kopien des Films waren im Umlauf, die von rund 80’000 Personen gesehen wurden. Damit, so André Pinkus 2023, gehörte Lieber Herr Doktor zu einem der erfolgreichsten Schweizer Filme der damaligen Zeit.24 Vertrieben wurde er nicht nur im regulären Verleih, sondern auch in sogenannten non-theatrical Aufführungskontexten ausserhalb des Kinos. Wie es die Praxis des Filmkollektivs beabsichtigte, begleiteten die Mitglieder der Filmgruppe den Verleih des Films eng. Ein überlieferter Flyer gibt konkrete Hinweise:25 Dieser richtete sich an «Frauengruppen, Parteien und Gewerkschaften», warb für den Einsatz während der Abstimmungskampagne, gab Empfehlungen für die Diskussion und erklärte Schritt für Schritt das Vorgehen für die Organisation einer Veranstaltung. Schaub spekuliert, dass diese Bemühungen zwar nicht zur Annahme der Vorlage, aber zu einem mit 48% Ja-Stimmen unerwartet guten Ergebnis führten.26 Auch wenn sich dies kaum konkret nachweisen lässt, belegen doch zahlreiche historische Zeitungsartikel und Leserbriefe, dass der Film sein Ziel, Debatten auszulösen, durchaus erreicht hatte.27
In Filmen, die sich mit Schwangerschaft und Abbruch beschäftigen, liegt der Fokus, so Franzis Kabisch, meistens auf dem persönlichen Konflikt und «der innerlichen Zerrissenheit einer schwangeren Figur».28 Lieber Herr Doktor verbleibt nicht bei der Notlage einer bestimmten Person. Auf die Angabe der Gründe, warum etwa Yvonne Blum abtreibt, wird ganz verzichtet, ebenso auf jede Mystifizierung von Mutterschaft. Anstelle von Dramatisierung reiht der Film mosaikartig Bilder und Erzählungen aneinander, die über die Frage der körperlichen Selbstbestimmung hinaus patriarchale Strukturen und Gleichstellungsfragen thematisieren. So sind zwischen den Gesprächen Einstellungen montiert, die die prekäre Situation von Müttern und Kindern sichtbar machen. Dazu gehören etwa die erwähnten Kinder im Hof, Aufnahmen von Akkordarbeit in einer Fabrik oder Erzählungen alleinerziehender Frauen. Diese Bilder zeigen die alltäglichen Belastungen der Frauen durch Care- und Erwerbsarbeit, Diskriminierung im Alltag und ein insgesamt kinderfeindliches Klima.

Diskussionsrunde mit Müttern, Lieber Herr Doktor, Collection Cinémathèque suisse

Kinder in Lieber Herr Doktor, Collection Cinémathèque suisse
Einige Aussagen der Diskussionsteilnehmer:innen in Ennenda entlarven ebenso die verlogenen Argumente gegen Abtreibung und analysieren die Folgen der patriarchalen Ordnung für Frauen und Kinder: Obwohl Handlungsträger:innen des Staats und der Kirche bei der Reproduktion mitreden und Schwangerschaften fördern wollen, indem keine Verhütungsmittel abgegeben und Abbrüche verhindert werden, ziehen sich dieselben Akteur:innen, sobald die Kinder geboren sind, aus der Verantwortung zurück. Familie, so die in der Diskussion geäusserte Kritik, gilt als Privatsache, Mütter erhalten politisch und gesellschaftlich keinen Rückhalt, keine zeitliche oder finanzielle Unterstützung, sind isoliert und auf sich selbst gestellt. Direkt nach der Debatte folgt eine der Gesprächsrunden im Kollektiv. Pinkus-Rymann meint: «Ja, ich finde einfach, dieses Problem kann nicht getrennt werden: Kinder haben oder keine haben – das gehört zusammen». Beatrice Michel hält in einem Artikel fest: «Das Thema Abtreibung lag uns nahe, weil es exemplarisch sehr viel aussagen konnte über die Situation der Frau in der Schweiz.»29
Ein besonders eindrücklicher Beitrag eines älteren Mannes in Ennenda, der in seiner Kindheit als Verdingkind massive Misshandlungen erlebte, erweitert diese Unrechtsgeschichten über die Kategorie des Geschlechts hinaus um weitere soziale Dimensionen. Emotional und aufgewühlt hält er fest, dass das Argument, jedes Leben sei bereits nach der Zeugung zu schützen, offenbar seine Gültigkeit verliere, sobald Kinder da sind – insbesondere dann, so lässt sich der Gedanke ausformulieren, wenn sie aus ökonomisch benachteiligten Verhältnissen kommen und dem Kapital als Arbeitskraft dienen sollen.

Zeitungsartikel, Tages-Anzeiger, 6.8.1977, Dokumentationsdossier Lieber Herr Doktor, DDZ1-10723, Collection Cinémathèque suisse
Auch die Erzählungen der drei Frauen im Film sind erschreckende Zeugnisse physischer und psychischer Gewalt, die die Betroffenen von den sich an vermeintlich wissenschaftlichen Leitlinien orientierenden Ärzten erfahren. Die erste Frau berichtet von erniedrigenden medizinischen Behandlungen durch einen Arzt und einen Psychiater. Die zweite Frau, die der Kamera den Rücken zuwendet und anonym bleibt, lässt in ihrer Wohnung eine illegale Abtreibung vornehmen, wird dabei sexuell belästigt und hat infolge des Eingriffs körperliche Komplikationen. Besonders erschütternd sind die Erfahrungen der dritten Frau, die anlässlich des Abbruchs in der Zürcher Frauenklinik zur Sterilisation gezwungen wird. Diese Darstellung hatte ein Nachspiel: Im August 1977 wies der Leiter der Frauenklinik in einem Leserbrief den Vorwurf mit der Begründung zurück, Sterilisationen seien nie ohne Einwilligung der betroffenen Personen vorgenommen worden. In ihrer Stellungnahme legte die Filmgruppe Schwangerschaftsabbruch wiederum die überprüften Einzelheiten des Falls dar und hielt fest, dass es in der Schweiz zahlreiche weitere Fälle von Zwangssterilisationen gebe.30
Insbesondere die letzte Erzählung rückt das Thema nochmals in einen grösseren historischen Zusammenhang. Ausgehend von einer Rede des Zürcher Frauenarztes Alfred Reist von 1934 legte Melinda Nadj Abonji kürzlich dar, wie die Schweiz im Bereich der Eugenik bereits vor dem Zweiten Weltkrieg eine Vorreiterrolle spielte.31 In Bezug auf Abtreibungen hält sie fest, dass diese ein mögliches Druckmittel waren, um im Kontext einer klassistisch und rassistisch ausgerichteten Bevölkerungspolitik Zwangssterilisationen durchzuführen:
Alle konsultierten Historikerinnen weisen darauf hin: Mehrheitlich wurden (in der Schweiz) Frauen aus der Unterschicht sterilisiert, und zwar oft unter Zwang. Eine erwünschte Abtreibung, eine Anstaltsentlassung, die Auszahlung von Unterstützungsgeldern – das waren die wichtigsten Druckmittel, mit denen Ärzte, Vormundschaftsbehörden, Psychiater und Anstaltsdirektoren eine Sterilisation erpressten.32
Die Kontrolle reproduktiver Rechte diente der Aufrechterhaltung bestehender Machtverhältnisse, wobei sich sexistische, rassistische und klassistische Logiken miteinander verschränkten. Lieber Herr Doktor bezeugt dem erneut aktuellen Kampf um das Recht auf Abtreibung einen Teil seiner Geschichte. Gleichzeitig verortet er diese in grösseren strukturellen Zusammenhängen. Deutlich wird, welchen Risiken sich frau aussetzt(e), wenn sich die Frage stellt: Kinder oder keine Kinder?