





Vom 5. April bis Mitte Mai 1939 warb der von Julius Pinschewer produzierte farbige Zeichentrickfilm Schweizer Sinfonie in 85 Schweizer Kinos1 für den Besuch der Schweizerischen Landesausstellung in Zürich. Die volkstümlich «Landi» genannte Ausstellung zog vom 5. Mai bis zum 29. Oktober über 10,5 Millionen Schaulustige an. Nach dem ‹Anschluss› Österreichs 1937 und der Annexion des Sudetenlands nach dem Münchner Abkommen vom September 1938 war die Landi die grösste Manifestation der «Geistigen Landesverteidigung» der Schweiz. Von einer drohenden Gefahr für den Fortbestand des Schweizer Staats oder für das Leben der Schweizer Bevölkerung durch Territorialansprüche aus dem nationalsozialistischen ‹Gross-Deutschland› ist in dem farbenprächtigen Werbetrickfilm Schweizer Sinfonie allerdings rein gar nichts zu spüren.
Die Filmerzählung folgt dem Muster der gesteigerten Wiederholung: Zu instrumentalen Adaptionen des Volkslieds Vo Luzern uf Wäggis zue formiert sich eine Karawane aus Pflanzen, Tieren und Arbeitsgeräten. Es geht los hoch in den Bergen mit Enzian und Edelweiss, einer jungen Gams und einem Murmeltier. Zwei Kühe grasen auf der Alp, der Senn ist eifrig bei der Arbeit. Da steigt eine Flöte spielende Milchkanne zu einer Tanne hoch: Enzian, Edelweiss, Gams und Murmeltier kommen herab, die Tanne setzt sich in Bewegung. – Ein Topf bekommt Beine, verlässt die Almhütte und schliesst sich mit einer Kuh der von der Milchkanne angeführten Karawane an. Der Senn rennt aus der Hütte und schaut dem Zug verdattert hinterher. – Ein Winzer kostet in seinem Weinkeller zufrieden den Wein. Im Weinberg erblickt eine Frau bei der Weinlese erstaunt die Karawane. Zum Entsetzen des Winzers verlässt ein grosses dickes Fass den Weinkeller und schliesst sich an. – Eine Frau arbeitet an einem Handwebstuhl. Da gebietet dieser Einhalt, verlässt die Werkstatt und schliesst sich an. Die Weberin rennt ins Freie und schaut ihrem Arbeitsgerät fassungslos nach. – Eine Ritterrüstung wird abgestaubt. Da löst sie sich, spaziert los über die Brücke der Burg und schliesst sich dem Zug an. – Im Labor einer chemischen Fabrik springt ein Retortenglas aus dem Fenster und schliesst sich an. Der Laborchemiker ist völlig verblüfft. – Ein neu montierter Dampfgenerator schreitet los, verlässt die Fabrikhalle und schliesst sich der Karawane an. Ingenieur und Arbeiter verstehen die Welt nicht mehr. – Sogar ein Raddampfer reisst sich vom Anker, fährt über Land und schliesst sich dem Zug an. – Zur Verwunderung eines Eichhörnchens befreit sich ein grosser Elektrizitätsmast von seinen Stromleitungen und schreitet mit Riesenschritten los. – In Zürich hissen zwei Kantonswappen die Schweizer Flagge. Die Karawane defiliert vorbei an den Wappen der Kantone, die in ihre Fanfaren blasen und trommeln. Zum Flötenspiel der Milchkanne tanzen in Tracht gekleidete Paare. Die Milchkanne entrollt eine Panorama-Aufsicht der Landi. Weisswein wird ausgeschenkt. Eine grosse Tafelrunde in Trachtenkleidern prostet sich zu. – Panorama-Aufsicht der Landi bei Nacht. Zwei Kantonswappen zünden ein Feuerwerk. Sterne steigen auf. Schlusstitel: «Schweizerische Landesausstellung in Zürich / Mai – Oktober 1939».2
Der einfache Erzählmodus der sich steigernden Wiederholung macht die Werbebotschaft eindeutig – und alternativlos: Wenn sich schon Pflanzen und Tiere aus der Schweizer Bergwelt und Arbeitsgeräte von Schweizer Handwerk und Industrie in einem «großartigen Festzug»3 zur Landi aufmachen, dann bleibt dem Kinopublikum gar nichts anderes übrig, als sich selber anzuschliessen und bei Tanz und Trank auf der Landi die innige Verbundenheit mit der Schweizer Heimat zu feiern.
Für die unglaublichen Fantasien des gezeichneten Animationsfilms bei der Formierung der Karawane nach Zürich gab es immerhin eine Analogie in der wirklichen Welt: «Die Vorführung [des Werbefilms] erfolgte im Zeitpunkt der Einlieferung der Ausstellungsgüter während des Monats April 1939 in den Kinotheatern der ganzen Schweiz.»4 Als das Kinopublikum im ganzen Land Pinschewers Zeichentrick-Karawane anschaute, wurden die Pavillons der Landi mit den Ausstellungsobjekten bestückt. Die Erzählung der Schweizer Sinfonie war abgestimmt auf das Timing des Einsatzes in den Wochen vor der Eröffnung der Schweizerischen Landesausstellung.
Ihre zentrale Agenda, die «Geistige Landesverteidigung», wird in der Handlung des Werbefilms nicht explizit thematisiert. Sie ist in der Schweizer Sinfonie aber dennoch präsent: Auf den ersten Blick kontrastiert die Betonung des ländlichen Charakters der Schweiz und ihrer Bevölkerung in Pinschewers Werbefilm mit der modernen Leistungsschau der Schweizer Industrie, die sich über einen Grossteil der Ausstellungsfläche erstreckte. Während die Schweizer Sinfonie auf Tradition und Brauchtum via Bergwelt, Landwirtschaft und Handwerk abhebt, präsentierten die relevanten Schweizer Industriezweige auf dem linken Seeufer der Landi in eigenen Gebäuden ihre neuesten Erzeugnisse: Maschinenbau, Uhrenherstellung, Chemie, Elektrizität, Post und Telefonie, Verkehr, Tourismus, Finanzen u.a.m. Allerdings dominierte die Schweizer Landwirtschaft das rechte Seeufer der Landi. Dort stand auch das «Landidörfli» mit zwölf Gebäuden, in denen die Kantone die bäuerliche Kultur der Schweiz ausstellten. Die Tradition kam also auf der Landi keineswegs zu kurz. Vor allem aus den ländlichen Kantonen kam das selbstbewusste Publikum gern in Trachtenkostümen auf das Zürcher Ausstellungsgelände. Selbstverständlich war auch für Speis und Trank gesorgt: Die 25 Gaststätten der Landi fassten 15'000 Sitzplätze. Die Schweizerische Landesausstellung war also auch ein grosses Volksfest. Mit der ungetrübten Vorfreude auf ein Fest des traditionellen Schweizertums machte Pinschewers niedliche Zeichentrick-Karawane also keine falschen Versprechungen. Die Schweizer Sinfonie entsprach ganz und gar dem patriotischen Geist der «Geistigen Landesverteidigung»: Schliesslich bot ein einiges Volk, das über wirtschaftliche Gegensätze hinwegsah und selbstgenügsam seine Schweizer Traditionen feierte, eine solide moralische Grundlage für die geforderte Wehrbereitschaft.
Die freudige Aufbruchstimmung in Pinschewers Werbefilm steht allerdings in scharfem Kontrast zur eindringlichen Präsenz der «Geistigen Landesverteidigung» mit vaterländischen Kunstwerken und militärischen Vorführungen auf dem Ausstellungsgelände. Unter dem Motto «Heimat und Volk» bildete die sieben Meter breite und 700 Meter lange Höhenstrasse die Hauptachse der Landi. Sie war festlich geschmückt mit den Fahnen der 3000 Schweizer Gemeinden und der Kantone. Am Eingang zur Höhenstrasse stiess das Publikum auf das vier Meter hohe Fresko Heimatliebe des Malers Paul Bodmer mit der Liedzeile «O mein Heimatland, o mein Vaterland, wie so innig, feurig lieb ich dich» von Gottfried Keller. Später passierte das Publikum das 45 Meter lange Wandgemälde Das Werden des Bundes von Otto Baumberger, das quer durch die Schweizer Geschichte eine direkte Linie vom Rütlischwur zur «Geistigen Landesverteidigung» zog. In einem Pavillon der Abteilung «Wehrwesen» stand die Skulptur Wehrbereitschaft von Hans Brandenberger: Ein Soldat zieht sich gerade den Uniformkittel an, vor ihm auf dem Boden liegt sein Schutzhelm. Dazu ertönte die Landeshymne Rufst Du, mein Vaterland. Solche Anrufungen der Vaterlandsliebe fanden ihre militärpraktische Ergänzung in Waffenschauen und Vorführungen von Funktion und Einsatz moderner Waffen der Armee und der Fliegertruppen.5
Besondere Brisanz erhielten die Manifestationen der «Geistigen Landesverteidigung» ab dem 1. September 1939 durch den deutschen Überfall auf Polen. Es versteht sich, dass die Landi wegen Kriegsbeginn nicht abgebrochen, sondern wie vorgesehen bis Ende Oktober durchgeführt wurde. Es versteht sich aber auch, dass «dem farbenfreudigen Werklein»6 der Schweizer Sinfonie nicht daran gelegen war, die «Geistige Landesverteidigung» auf der Landi explizit zu thematisieren. Es ging hier darum, beim Kinopublikum für den Besuch der Landi als rundherum freudiges Freizeiterlebnis zu werben. Die Vermittlung einer durch nichts getrübten, geradezu kindlichen Vorfreude hatte absolute Priorität. Dafür waren die drolligen Darstellungen der Zeichentrick-Karawane bestens geeignet.
Dem heiteren Werbefilmappell zum Besuch der Landi ist nicht anzumerken, dass der Werbefilmproduzent Julius Pinschewer in die Schweiz emigriert war, um der absehbaren Vernichtung seiner bürgerlichen Existenz durch das nationalsozialistische Berufsverbot für jüdische Filmschaffende zu entgehen. Der wichtigste deutsche Werbefilmpionier fing 1933 im Alter von 50 Jahren noch einmal ganz von vorne an – während in Berlin seine Firma und seine Immobilien, seine Filmfabrik und sein Wohnhaus, abgewickelt bzw. ‹arisiert› wurden.7
In Bern gründete Pinschewer die erste Schweizer Trickfilmproduktion. Die Eintragung der Firma Pinschewer-Filmatelier im Handelsregister erfolgte am 4. September 1934.8 Voraussetzung für die Gründung dieses Unternehmens war die Schweizer Aufenthaltsgenehmigung für den Immigranten Julius Pinschewer und die Gewerbegenehmigung, die nur mit erheblichen Einschränkungen gewährt wurde:
Die Firma Pinschewer beschränkt sich auf die Herstellung von Werbefilmen. Sie darf für ausländische Firmen und für Schweizer Firmen zur Aufführung im Ausland Werbefilme jeder Art herstellen. Dagegen darf sie für schweizerische Firmen zur Aufführung in der Schweiz keine ausgesprochenen Kulturfilme, keine Lehrfilme und keine ausgesprochenen Landschafts- oder Industriefilme herstellen. Sie hat sich ferner bei Aufträgen für schweizerische Firmen zur Aufführung in der Schweiz auf die Herstellung von Trick- und Puppenfilmen zu beschränken […] Es ist der Firma Pinschewer untersagt, Verleih und Vertrieb ihrer Filme in den schweizerischen Lichtspielhäusern im Rahmen ihrer regulären Programme selbst oder durch eine von ihr gegründete oder finanziell mit ihr verbundene Organisation zu betreiben.9
Julius Pinschewer durfte sein Trickfilmatelier in Bern nur unter der strikten Bedingung betreiben, dass er einheimischen Filmfirmen kein Geschäft wegnahm. Es war ihm ausdrücklich nicht gestattet, Werbefilme mit Realaufnahmen zu drehen. Verleih und Vertrieb seiner Werbetrickfilme in der Schweiz waren ihm untersagt. Das Vertriebsgeschäft mit dem Einsatz von 17 Kopien10 des Landi-Werbefilms in 85 Schweizer Kinos musste Pinschewer eingesessenen Schweizer Filmfirmen wie der Praesens-Film überlassen. Die Herstellung von Werbetrickfilmen war indes in der Schweiz eine Marktlücke, welche die Behörden dem Flüchtling Julius Pinschewer als Nische zubilligten, weil er in der Lage war, Lehrlinge für den Beruf des Trickzeichners auszubilden. So erhielt Walter Born, ein Mitarbeiter des Berliner «Atelier Svend Noldan», den Pinschewer als Chefzeichner gewinnen konnte, mit Datum 15. November 1934 eine «Provisorische Bewilligung zum Stellenantritt» ausdrücklich «als Farbenspezialist für Farbentonfilm & Trickzeichner zur Einarbeitung der Hilfskräfte».11
Die wirtschaftliche Basis der Firmengründung in Bern war ein Guthaben von 100'000 Schweizer Franken, das Pinschewer schon Ende der 1920er Jahre bei der Kantonalbank in Bern hinterlegt hatte – «und zwar damals mehr aus Angst vor dem Kommunismus als vor den Nazis», wie er später dem Schweizer Diplomaten Hans Keller mitgeteilt hat.12 Die Akquisition von Werbefilmaufträgen renommierter Schweizer Privatfirmen und öffentlicher Einrichtungen gelang Pinschewer recht gut. Er hatte das Alleinstellungsmerkmal der einzigen Trickfilmproduktion in der Schweiz. Genau dafür und nur dafür hatte Pinschewer bei den Einwanderungsbehörden Gnade gefunden und die Schweizer Gewerbegenehmigung erhalten. Branchenintern wurde betont, dass für die Schweizer Sinfonie «10 Monate lang […] zeitweise mehr als 12 Schweizer Graphiker» beschäftigt waren.13 Die aufwändige Herstellung des Landi-Werbefilms begann demnach bereits im Sommer 1938. «Mehr als 8000 einzelne Bilder mussten gezeichnet und ausgemalt werden.»14 Insgesamt wurden für den 150 Meter langen und 5min 10sec dauernden 35mm-Zeichentrickfilm an die 23.400 Standbilder mit der Trickkamera einzeln per Hand belichtet,15 um dann in der Kinoprojektion mit einer Laufgeschwindigkeit von 24 Bildern pro Sekunde animiert zu werden. «Die Kosten der Herstellung, einschließlich der 17 Kopien (11 deutsche, 4 französische, 1 italienische, 1 englische) beliefen sich auf Fr. 24320.-.»16 Diese Summe entspricht wohl den Einnahmen, die Pinschewer aus dem Produktionsauftrag der Schweizer Sinfonie erzielte.
In den 1930er Jahren bestand das gesamte Kinoprogramm üblicherweise aus Schwarz-weiss-Filmen. Farbige Werbetrickfilme fanden deshalb ganz besondere Aufmerksamkeit beim Kinopublikum. Seit seinem weltweit ersten Tonwerbetrickfilm Die chinesische Nachtigall 1928 hatte Julius Pinschewer in Deutschland schwarz-weisse Tontrickfilme hergestellt. In Bern legte er den Schwerpunkt seiner Werbefilmproduktion von Anfang an auf Tontrickfilme in Farbe. Dafür benutzte er die deutschen Farbverfahren Gasparcolor und Agfacolor. Offenbar erhielt er von Auftraggebern seiner Tontrickfilme in Farbe sehr positive Reaktionen: 1936 wandte sich Pinschewer mit einer Referenz von Luis Trenker an den Hollywoodagenten Paul Kohner. Er wollte gern mit Vorführungen seiner Filme in den USA von dort Aufträge einwerben und schickte Kohner Die Schmierkobolde, seinen Werbefilm für das Scheuermittel PER der Henkel AG, zur Ansicht. In einem Brief wagte er sogar, den «allgemeinen unterhaltsamen Trickfilm»,17 also die Domäne von Walt Disney, als Option anzusprechen. Kohner gab Pinschewer zu verstehen, dass er mit den amerikanischen Zeichentrickproduzenten nicht konkurrieren könne.18
Wenig später war Pinschewer imstande, zumindest filmtechnisch mit Disney gleichzuziehen: Seine Schweizer Sinfonie «ist ein farbiger Tricktonfilm, aufgenommen nach dem Technicolor-Verfahren, nach welchem auch die bekannten amerikanischen Trickfilme hergestellt werden.»19 Kaum hatte Technicolor in West Drayton, einem Aussenbezirk von London, die erste Zweigniederlassung ausserhalb der USA eröffnet, begann Pinschewer in Bern für die Organisatoren der Schweizer Landesausstellung mit der Produktion seines ersten farbigen Zeichentrickfilms im Technicolor-Verfahren.20 Damals liessen sich mit Technicolor anerkanntermassen die besten Farbresultate erzielen. Die Anfertigung von drei Farbauszügen machte das Verfahren aber aufwändig und teuer. Zur wirkungsvollen Inszenierung einer niedlichen Zeichentrick-Karawane, die für die Landi als allumfassendes Fest Schweizer Traditionen wirbt, war die neueste Farbfilmtechnologie gerade gut genug. Die Auftraggeber waren mit ihrer Investition in Pinschewers innovativen Technicolor-Werbefilm Schweizer Sinfonie jedenfalls hochzufrieden. Ganz offiziell stellte das Liquidationskommittee der Landi fest: «Das Ergebnis war höchst erfreulich. Der spontane Beifall, den das Publikum dem Film täglich in den Kinotheatern entgegenbrachte, ließ einen Erfolg dieser Werbeaktion erwarten.»21