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Felix Aeppli

Werbefilme für Zürich (1914-2014)

1914: Bilder von Zürich, Filmstill

1914: Bilder von Zürich [?], Weltkinematograph Freiburg i.Br.

Durch die Eingemeindung von elf Vororten war Zürich 1893 zur ersten Schweizer Stadt mit mehr als hunderttausend Einwohner:innen geworden. In den folgenden zwanzig Jahren setzte in der Innenstadt, aber auch in den ehemaligen Vororten, ein gewaltiger Bauboom ein. Der 1914 in Freiburg im Breisgau produzierte fünfminütige Film über Zürich (der Titel ist nicht überliefert, vermutlich lautete er Bilder von Zürich) gibt Einblicke in das städtische Leben kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs und zeigt zahlreiche in der jüngsten Vergangenheit errichtete Bauwerke.

In der lichtdurchfluteten, 1871 erbauten Bahnhofshalle, die heute nur noch für Events genutzt wird, rauchen zwei Lokomotiven, und draussen auf dem Bahnhofplatz herrscht buntes Treiben: Pferdekutschen, aber auch vier Automobile, warten auf Gäste, Handkarren werden über den Platz geschoben oder gezogen, Pferdegespanne befördern schwere Lasten, und eine elektrische Trambahn der Linie 6 fährt über den Platz, von der Kamera gekonnt diagonal ins Bild gesetzt. Auf dem Platz sind auffallend wenige Frauen unterwegs.

An den Schauplätzen, die uns die Bilder von Zürich vermitteln, hat sich in vielen Fällen wenig geändert: Das 1898 in Gegenwart des Gesamtbundesrats eröffnete Landesmuseum, die Ostfassade des Hauptbahnhofs, der Urania-Durchstich (gekrönt von der im April 1914 in Betrieb genommenen Universität), die obere Bahnhofstrasse mit dem neogotischen Geschäftshaus Seiden-Grieder (1912 eröffnet), das Arboretum oder die Stadtsilhouette von der Quaibrücke aus limmatabwärts, sehen praktisch noch heute gleich aus. Womöglich wehmütige Erinnerungen wecken die Aufnahmen der 1938 abgebrochenen Tonhalle, die dem für die Landesausstellung 1939 errichteten Kongresshaus weichen musste. Interessant ist das «Stadtpanorama», ein 270°-Gradschwenk von der 1907 eröffneten Urania-Sternwarte aus, der nicht nur die dicht bebaute Altstadt zeigt, sondern auch verdeutlicht, wie stark sich die Stadt Zürich seit der Eingemeindung baulich Richtung die Quartiere Unterstrass, Fluntern, Hottingen und Seefeld entwickelt hatte.

Auffallend viele Gebäude im Film sind mit Fahnen oder Pflanzen geschmückt. Es lässt sich jedoch nicht eruieren, was der Grund für den Festschmuck war. Mit Sicherheit wurde im Frühling gefilmt, darauf weisen die Blumen in den Gärten des Landesmuseums oder der Blattbestand an den Bäumen hin. Damit wäre das Sechseläuten ein möglicher Anlass, doch davon finden sich keine Aufnahmen in Bilder von Zürich. Eindeutig datieren lässt sich das letzte «Bild», der Stapellauf des Raddampfers «Stadt Rapperswil». Er ging gleich doppelt über die Bühne, am 16. März 1914 musste das mächtige Schiff schon nach fünf Metern wieder in die Werft Wollishofen zurückkehren, am 29. Mai klappte es dann. Diesen Anlass zeigen die Filmaufnahmen, die im Gegensatz zu den übrigen Einstellungen des Films an einem äusserst regnerischen Tag gedreht wurden.

1926: Hinauf auf den Uto, das Wahrzeichen Zürichs! Praesens-Film AG

Hinauf auf den Uto, das Wahrzeichen von Zürich! Fotogramm, Collection Cinémathèque suisse

Der Bahnhof Selnau war seit 1875 Ausgangspunkt für die Fahrt mit der Uetliberg-Bahn auf den Zürcher Hausberg. Fast ein halbes Jahrhundert schoben Dampflokomotiven die Waggons auf der steilsten Normalspurstrecke Europas zur neun Kilometer entfernten Bergstation hinauf. 1923 erfolgte die Elektrifizierung der Bahnlinie, und einige Jahre später wurde der 4-minütige Werbefilm der Praesens gedreht (1990 schliesslich erfolgte die unterirdische Verlängerung zum Hauptbahnhof Zürich).

Der Film zeigt den Grossandrang am Bahnhof Selnau, wohl an einem Sonntagnachmittag Mitte der 1920er Jahre. Schon bald startet die Zugskomposition, bestehend aus elektrischer Lokomotive und zwei Wagen, ihre Fahrt. Vorbei an Obstgärten geht es in Richtung Bahnhof Giesshübel und von da aus langsam bergwärts. Die Haltestellen Friesenberg und Schweighof existierten damals noch nicht, umso besser sind die 1925 im Stil der Gartenstadt erbauten Häuser der Familienheim-Genossenschaft im Film zu erkennen, um deren Schutzwürdigkeit zurzeit ein Rechtstreit ausgetragen wird. Geradezu niedlich nimmt sich das hölzerne Wartehäuschen an der Station Triemli aus, inmitten von Wiesen, auf denen heute die mehrstöckigen Gebäude des Stadtspitals Zürich stehen.

Bei der Haltstelle Waldegg ist ein zweites Gleis zu erkennen, auf dem bei Bedarf Züge auf offener Strecke kreuzen können. Nach ein paar weiteren Minuten Fahrt durch den Wald wird die Endstation erreicht, wo der Bahnhofsvorstand den Zug erwartet. Noch folgt für das Publikum der 10-minütige Fussmarsch hinauf zum Uto-Kulm. Die Anfahrt per Automobil war Mitte der 1920er Jahre bestimmt eine Seltenheit. Sie ist es auch heute noch: Es herrscht ein Fahrverbot auf dem Zürcher Hausberg, Ausnahmen müssen bewilligt werden.

Die Gäste, die im Bergrestaurant einkehren oder vom Uetliberg-Turm die Aussicht über den Zürichsee bewundern, gehören zum wohlhabenderen Teil der Stadtbevölkerung. Bei Billett-Preisen von zwei Franken pro Person für die Bergfahrt und 1.50 Franken für die Talfahrt lagen Fahrten mit der Uetliberg-Bahn für die Arbeiterklasse 1926 ausserhalb der Reichweite.

1938: Die Zürcher Strassenbahn – Ein Film aus dem Verkehrsleben Zürichs, Jakob Burlet, Burlet-Film  

Zürcher Alltag: abendlicher Stossverkehr am Paradeplatz, Filmstill

Dieser 16-minütige Film ist kein Werbefilm für die Stadt Zürich im engeren Sinn, sondern eine Dokumentation der Aufgaben und Dienste der städtischen Strassenbahn. Er musste deshalb auch nicht die touristischen Attraktionen der Stadt ins Bild rücken und ist näher am Alltagsgeschehen. Der Film wurde 1938 noch stumm gedreht mit Zwischentiteln, die teilweise recht amüsant zu lesen sind.

Originell sind die Tramfahrten über die Quaibrücke oder durch die obere Bahnhofstrasse mit Blick aus dem Führerstand, eindrücklich auch der Stossverkehr, der schon damals am Paradeplatz herrschte. Wir werden Zeugen einer Beinahe-Kollision am Bahnhof Enge und erleben die Ankunft eines Tramzugs auf der Utobrücke, die noch mitten in einem städtischen Vorort liegt, sich aber heute unter der Sihlhochstrasse, einem Autobahnzubringer, ducken muss.

Zahlreiche Szenen befassen sich mit dem Freizeitverkehr. Ein Fussball-Länderspiel auf dem Hardturm ist eine spezielle Herausforderung für die Verkehrsbetriebe, die das Publikum mit Extrakursen zum Stadion und auch wieder nach Hause bringt. Wer im Spiel Gegner der Schweiz war und was das Endresultat war, wird im Film nicht erwähnt, doch dürfte es sich um das Vorbereitungsspiel auf die WM 1938 in Paris Schweiz gegen England handeln, das die Schweiz am 21. Mai 1938 mit 2:1 gewann.

Die Strassenbahn bringt aber auch die Freizeit-Sportler:innen ans Ziel: Zweimal ist im Film die Endhaltestelle der Linie 13 im Albisgütli zu sehen mit der Wendeschlaufe und der noch immer existierenden Wartehalle, die seit einigen Jahren allerdings wegen Vandalismus verriegelt ist. In der sonnigen Jahreszeit ist dies der Ausgangpunkts für Wanderlustige, im Winter für ein sportliches Publikum, das mit Skiern ausgerüstet per Tram anreist. Skisport wurde damals noch vor den Toren der Stadt betrieben und nicht in den Bergkantonen oder im Ausland.

1961: Zürcher Impressionen, Hans Trommer, Condor Films

Zürich auf der Schwelle zur Moderne: Vom Dach des im Bau befindlichen Hochhauses zur Palme schwenkt die Kamera über die linksufrige Innenstadt, erfasst später die Einfahrt eines TEE-Zugs (seit 1957 das non-plus Ultra des europäischen Schienenverkehrs, bis heute kaum übertroffen) oder die Landung einer Caravelle, des ersten Düsenflugzeugs der Swissair, das im Vorjahr in Betrieb genommen wurde. Auf der Limmat verkehrt ein Motorboot für Touristen, und das 1959 fertiggestellte Schwesternhochhaus des Universitätsspitals setzt einen architektonischen Akzent im Hochschulquartier.

Doch dies sind Ausnahmen. Das liebevolle und beschauliche 24-Stunden-Portrait der Stadt setzt auf Bewährtes: Gurrende Tauben vor dem Grossmünster, Kirchenglocken, Altstadtgassen aus der Vogelperspektive, Paradeplatz, Zahnräder-Fabrik und Börse (stellvertretend für die Schweizer Wirtschaft), Raddampfer mit Blasmusik auf dem Zürichsee, Kronenhalle, Oper und Kunsthaus (wo damals offenbar noch geraucht werden durfte). Gelegentlich schlägt im Film auch der Mief der 1950er Jahre durch, etwa dann, wenn ein Rentner von seiner Frau beim Betrachten von Spitzenunterwäsche in einem Schaufenster ertappt wird, oder wenn eine Gruppe von Gymnasiastinnen beim Anblick des Buchumschlags von Baudelaires «Les fleurs du mal» kaum noch an sich halten kann. Und eindeutig sexistisch ist eine Catcalling-ähnliche Szene, in der drei Piloten eine Schaufensterdekorateurin anmachen.

Wer diese Zeit bewusst erlebt hat, wird bei der Visionierung der Zürcher Impressionen auch nostalgische Gefühle empfinden angesichts der vielen Dinge, die seither verschwunden sind: die Pferdegespanne mit Bierfässern der Brauerei Hürlimann, die für die Gartenbauausstellung G59 errichtete Schwebebahn über den Zürichsee (1964 demontiert), die Fleischhalle am Limmatquai (im Volksmund «Kalbshaxen-Moschee» genannt), die «Elefanten» (Triebwagen der Strassenbahn mit Mitteleinstieg: ein Fahrzeug ist heute noch gelegentlich als Partytram oder als Sonderfahrzeug auf der Museumslinie 21 unterwegs), der Zeitungverkäufer mit dem Angebot der dreimal täglich erscheinenden NZZ. Tempi passati…

Regie bei Zürcher Impressionen führte Hans Trommer. Er war 1941 künstlerischer Leiter und Drehbuchautor bei Romeo und Julia auf dem Dorfe (Regie Valérien Schmidely), für viele Cinephile ein Höhepunkt des (alten) Schweizer Films. Mit dem Spielfilm Zum goldenen Ochsen (mit Schaggi Streuli in der Hauptrolle) verspielte er 1958 jedoch viel künstlerischen Kredit und konnte danach keinen Spielfilm mehr drehen. Zürcher Impressionen ist mit Sicherheit sein erfolgreichster Film. Mit einer Länge von nicht ganz 13 Minuten wurde er häufig als Vorfilm in Kinos eingesetzt und in Aktualitäten-Kinos oder im 16mm-Format in Schulen und bei Vereinsanlässen unzählige Male vorgeführt.

Zürcher Impressionen, 1961 (Deutsche Version)

Zürcher Impressionen, 1961 (Französische Version)

1967: ...via Zürich, Alexander J. Seiler, June Kovach, Rob Gnant, seiler + gnant

Kaum zu glauben, dass dieser Film nur sechs Jahre nach Zürcher Impressionen entstand, dermassen verschieden sind die beiden Werke formal und streckenweise auch inhaltlich. In …via Zürich dominieren High Tech und Hochglanz, der Filmtitel kommt modisch in Kleinbuchstaben daher, und es wird mit schnellem Schnitt, Überblendungen, Travellings, Screen Splits und Fischauge gearbeitet.

Der knapp 12minütige Film richtet sich ganz offensichtlich an ein internationales Publikum, das zu einem Stop-Over am Flughafen Zürich-Kloten ermuntert werden soll, und der Inhalt des Films ist ganz auf diese zahlungskräftige Kundschaft ausgerichtet: Fassaden aus Stahl und Glas, edle Kleider, Kunst, Ballett und teures Essen, durchbrochen von pittoresken Altstadtfassaden (überrascht nimmt man zur Kenntnis, dass 1967 an der Augustinergasse noch ein Coiffeur sein Geschäft betrieb). Das Arboretum, eine mittelgrosse Wiese am See mit altem Baumbestand, nimmt durch raffiniertes Umkreisen beinahe die Dimension des Central Parks ein. Schliesslich wird Zürich auch noch an den Fuss der Alpen gerückt, mit einer Kameraeinstellung von der Waid aus, die bereits im 18. Jahrhundert einer der beliebtesten Standorte für Vedutenmaler war.

…via Zürich war eine Auftragsarbeit des Verkehrsvereins und der Swissair. Dennoch ist einigermassen erstaunlich, welches Ausmass von Glitter, Hochglanz und Luxus ein Jahr vor den 1968er Unruhen völlig unproblematisch und beinahe fetischisiert im Film präsentiert werden, denn Regisseur Alexander J. Seiler und Kameramann Rob Gnant zählen eigentlich zum linken politischen Spektrum.

...via Zürich, 1967

1981: Achthundert Schritte – Zürichs Mitte, Eckehard Munck, Condor Films

Mit Zürichs «charmanten Politessen» sollte das Bild korrigiert werden, das die Stadt während der Jugendunruhen 1980/81 in den nationalen und internationalen Medien abgab, Filmstill

In diesem rund halbstündigen Film kommt beinahe alles vor, was Zürichs Innenstadt an Sehenswürdigkeiten zu bieten hat: Die «Silhouette in ihrer unverkennbaren Noblesse» (Zunfthäuser und Altstadtkirchen durch den Blick zweier junger Schwimmerinnen in der Limmat in einem Abschnitt, wo Badeverbot herrscht), Jugendstilbauten im ehemalignen Kratz-Quartier, die Augustinergasse, der «Lindengürtel der Bahnhofstrasse», der Art-Deco-Lichthof im Geschäftshaus Seiden-Grieder, Chagalls Glasfenster im Fraumünster (unterlegt mit Orgelklängen), der alte botanische Garten, das Dreieck Konservatorium-Kunsthaus-Schauspielhaus (mit längerem Ausschnitt einer Probe), Zürich als Sitz zahlreicher Verlagshäuser (mit Portraits von Lavater, Büchner, Thomas Mann und Gottfried Keller), das Wohnhaus von Lenin (inklusive Interview mit einer älteren Dame, deren Mutter einstmals den Revolutionsführer mit Holz für die Heizung versorgte), Weinlese in einem Dachgarten mit Hängematte, die Konditorei Schober, und last but not least der «alternative» Rosenhof-Markt im Niederdorf.

Süssliche Musik und ein pseudo-dialektischer Kommentar begleiten den Bilderreigen, wobei der Sprecher sich gelegentlich weit aus dem Fenster lehnt: «Auch wenn sich der eine oder andere Wohnerker bereits im Fenster einer exquisit beleuchteten Geschäftsetage spiegelt, noch sind in der Altstadt Büros und Geschäftsräume nicht die Regel.»

Es drängt sich nachgerade die Vermutung auf, dass dieser aufwendige Film mit dem Ziel produziert wurde, das Bild Zürichs zu korrigieren, wie es 1980 durch die internationale Medienberichterstattung verbreitet wurde mit Strassenschlachten zwischen demonstrierenden Jugendlichen und hochgerüsteten Polizisten, die mit Wasserwerfern, Gummigeschossen und Schlagstöcken vorgehen. Wohl kaum zufällig bringt 800 Schritte – Zürichs Mitte schon in den ersten hundert Sekunden zweimal in Farbe die «charmanten Politessen», die den Verkehr regeln, ins Bild. Und das letzte Drittel des Films zeigt dann ausführlich die Möglichkeiten, welche Zürich Jugendlichen bietet: Studierende sitzen in Strassen-Cafés an der Bahnhofstrasse, diskutieren in verrauchten Kneipen im Niederdorf, vergnügen sich bei Frisbee Spielen im Arboretum, und die Jeunesse dorée feiert beim Klang von Kirchenglocken eine Party auf einem Dachgarten. Raffiniert baut der Film auch noch die Alternative mit ein: «Auf den Stufen zur Limmat, an der Riviera, trifft sich Tag für Tag die nicht angepasste Jugend, und sie liebt ihre Rolle als Bürgerschreck». Drogenkonsument:innen, Sponties, milde Oeko-Freaks, Alternative und Rocker seien hier zugegen, «durch unsichtbare Linien getrennt», wie uns der allwissende Filmkommentator weis machen will. Die 80er Unruhen waren demnach ein Spiel, alles halb so schlimm. In Zürich, dem «Mikrokosmos an der Limmat», ist die Welt «nicht anonym, sondern überschaubar und erlebbar. Man empfindet sich als Bestandteil, als irgendwo dazugehörig».

1995 ZÜR!CH - Little Big City, Regie unbekannt, Produktion eventuell Movie-Team Dübendorf

Bilder der Beliebigkeit und der Ratlosigkeit, möglicherweise konzipiert als Antwort auf die erschütternden Aufnahmen von Zürichs offener Drogenszene, die als «Needle Park» in die Schlagzeilen geriet, Filmstill

Der Mitte der 1990er Jahre lancierte Slogan für Zürich, «Little Big City», wurde nie populär. Er wirkte etwas blass und richtungslos und dies gilt auch für den gleichnamigen sechseinhalbminütigen Werbefilm. Vieles darin war voraussehbar, manches beliebig: Altstadtgassen mit Kopfsteinpflaster, Schaufenster von Trödelläden und der Flohmarkt am Bürkliplatz, die allgegenwärtige Bahnhofstrasse inklusive Schmuck und (Türler-) Uhren, und auch die drei grossen Kulturinstitute fehlten nicht: das Kunsthaus (diesmal mit Kollers «Gotthardpost»), das Opernhaus von aussen und von innen, dito das Schauspielhaus. Nach zweieinhalb Filmminuten werden die Grenzen der «Little Big City» vorübergehend gesprengt: Vom Open-air Kino am See (mit einem Ausschnitt aus Federico Fellinis La Strada von 1954) geht es direkt ins Hochgebirge (inklusive Gornergrat-Bahn mit Matterhorn), gefolgt von einem Potpourri mit Kloster Einsiedeln, Schloss Tarasp und Rheinfall. Eine ICE- Komposition und eine neue Swissair Düsenmaschine stehen für die neuesten technischen Errungenschaften, das Letzigrund- und Hardturm-Stadion für aktuelle Sportveranstaltungen, doch dem Rest des Films mangelt es an Originalität und an Realitätsbezug. Es kommen darin auch überraschend wenig Personen vor, abgesehen von einer breit lachenden Frau, deren Konterfei in Schwarzweiss mehrmals zwischen die einzelnen Sequenzen montiert wird, ohne dass deren Funktion ersichtlich würde.

Wir wollen niemandem etwas unterstellen, aber ging es in diesem harmlosen Werklein eventuell darum, das Bild der Stadt Zürich zu korrigieren, das sich in der ersten Hälfte der 1990er Jahre durch die internationale TV-Berichterstattung über die offene Drogenszene und das damit verbundene Elend im Park des Landesmuseums («Needle Park») verbreitet hatte?

Der Slogan «Little Big City» wurde schon nach wenigen Jahren durch «Zurich – Downtown Switzerland» abgelöst, womit offensichtlich vermehrt eine internationale Vermarktung Zürichs anvisiert wurde. Innerhalb der Schweiz kam dieses neue Logo allerdings nicht überall gut an. Gab es nun nur noch Zürich und eine Restschweiz, sozusagen als Hinterland?

2014 «Zürich besuchen. Die Schweiz entdecken», Tobias Fueter, Stories AG Zürich

Der «Putzwägeli-»Fahrer: ein virtuoses Spiel mit den Klischees des sauberen und reichen Zürichs, Filmstill

2011 lancierten der Kanton Zürich, die Stadt Zürich und Zürich Tourismus gemeinsam das neue Markenlogo «Zürich – World Class. Swiss Made». Dazu gab es nun nicht mehr einen kurzen oder mittellangen Werbefilm, sondern eine Reihe von Videoclips, die unter dem Motto «Zürich besuchen. Die Schweiz entdecken» in unregelmässiger Abfolge veröffentlicht wurden. Auch inhaltlich ging man neue Wege, indem nun Stadtbewohner:innen Zürichs ihre persönlichen Vorlieben schilderten.

Das Dach der Kampagne bildet ein international geschalteter Fernsehspot, in dem ein «echter Putzwägeli-Fahrer» durch Zürich fährt und die Vorzüge der Stadt so liebevoll schildert, dass man beim Zuschauen den Eindruck erhält, er würde eine Geliebte beschreiben. Der Spot wurde seinem Protagonisten, dem Aussehen und der Aussprache nach ein Italiener der zweiten Generation, auf den Leib geschrieben, sogar seine Ehefrau kommt zu Wort, die sich über die «Affaire» beklagt. Die Fahrten des Putzmannes eröffnen eine neue Perspektive auf Zürich, statt Bahnhofstrasse, Chagall-Fenster, Kronenhalle oder Zunfthäuser werden der Turm einer Kehrichtverwertungsanlage, eine stillgelegte Eisenbahnbrücke, Kinder im Bassin auf der Josefwiese oder ein Gelati-Stand an der Seepromenade von der Kamera eingefangen. Dies ergibt zwar auch sehr schöne Bilder (besonders die Nachtaufnahmen), aber sie spielen mit den Klischees, und so durchzieht ein unterschwelliger Humor den Clip.

In Die Heimat einer Designerin entdecken begegnen wir Anna. Zu Beginn des Clips blickt sie vom Südturm des Grossmünsters auf die Altstadt, doch anstatt angesichts der atemberaubenden Aussicht in Jubel auszubrechen, meint die Designerin trocken: Zürich habe viel Grau- und Blautöne, wenig fröhliche Farben, damit aber auch «wenig Protziges». Dies sei wohl das zwinglianische Erbe, das noch immer nachwirke. Anna ist wegen ihrem Hund Frühaufsteherin, wir sehen sie bei einem Spaziergang der wenig spektakulären Sihl entlang. Nebenbei erfahren wir, dass Anna in der Kreativabteilung von «En Soie» arbeitet, einem Familienunternehmen in der Innenstadt. Der weitere Tagesablauf wird als absolut durchschnittlich und normal präsentiert. Der Hund trinkt das saubere «Züri-Wasser» aus einem der über tausend Brunnen der Stadt, das Mittagessen nimmt Anna mit ihrer Mutter auf dem Lindenhof ein, der «gerade um die Ecke» liegt. Später am Abend treibt sie etwas Sport auf dem Uetliberg und kehrt danach im Restaurant «Zum Goldenen Fass» ein, das im Kreis 4 liegt, dem historischen Arbeiterquartier Zürichs, welches allerdings in den letzten Jahrzehnten durch die Gentrifizierung gewaltig umgepflügt wurde.

Anna, deren Nachname im Clip nie genannt wird, stapelt bei der Schilderung ihres Tagesablaufs reichlich tief. Sie ist Spross und Teilhaberin der Seidenfirma «En Soie», eines renommierten Geschäfts für bedruckte Seidenstoffe, Kleider, Schmuck und Keramik mitten in der Zürcher Altstadt. Ihre Mutter, Monique Meier, hatte das Unternehmen 1974 übernommen, seit 2010 führen ihre Töchter Eleonore, Sophie und Anna Meier den Betrieb (Annas Vater, nebenbei bemerkt, ist ein international bekannter Schweizer Musiker). In einem weissen T-Shirt mit dem Firmen-Logo «En Soie» ist Anna übrigens auch im «Putzwägeli»-Video kurz zu sehen, am Brunnen auf dem Napfplatz zusammen mit dem Putzmann, der sich zum Zvieri einen Hamburger genehmigt.

Understatement und Humor verleihen der «Zürich besuchen»-Kampagne eine sympathische Note. Und als jahrzehntelanger Bewohner der Stadt Zürich schliesse ich mich gerne Anna Meiers Schlusswort an (im Original natürlich im Dialekt): «Für mich ist Zürich eine gute Stadt. Ich habe hier meine Familie, mein Umfeld. Meine Orte. Meine Freunde. Ja, Zürich gehört zu mir und ich vielleicht auch ein wenig zu Zürich.»

Zürcher Impressionen und ...via Zürich wurden von der Cinémathèque suisse restauriert und in der Ausstellung Zürich – Stadt des Kapitals online publiziert.

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